In seiner lesenswerten Biographie rollt Gelfert das Leben und Werk eines Autors auf, der nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch heutzutage noch als Populist und sentimentaler Sozialkritiker verkannt wurde und wird. So erfährt man, dass Dickens aufgrund der wirtschaftlichen Nöte seiner Eltern als Kind in einer Schuhwichsfabrik arbeiten musste, dass er als Jugendlicher ein begeisterter Theatergänger war und dass er schon vor seinem literarischen Durchbruch von seiner journalistischen und schriftstellerischen Arbeit leben konnte.
Gelfert schildert ihn als einen prototypischen Vertreter seiner Zeit – des viktorianischen Zeitalters –, das ganz der Kultur des »Gentry« – des Landadels – verpflichtet und entgegen den landläufigen Meinungen von Weltoffenheit und dem Streben nach »wirtschaftlichem Fortschritt und Verbesserung der sozialen Verhältnisse« geprägt war. Dickens selbst sprach sich für einen ökonomischen Fortschritt im Sinne des englischen Liberalismus aus und engagierte sich gleichzeitig für soziale Belange wie die Armenfürsorge, die Einrichtung von Bildungsanstalten für Arbeiter und eine Reform des Schulwesens.
Als arrivierter Schriftsteller reiste Dickens in die USA, nach Italien und nach Frankreich – Paris wurde zu einem seiner bevorzugten Reiseziele, das er meist in Begleitung seines Freundes Wilkie Collins besuchte. Sein unermüdlicher Schaffensdrang bescherte ihm Wohlstand und ein sorgenfreies Leben, was sich allerdings nicht durchgängig in seinen Werken niederschlägt. So weisen einige seiner Romane, die Gelfert in kurzen Kapiteln vorstellt, autobiographische Bezüge auf, die an seine Kindheit mit all den materiellen Entbehrungen erinnern; seine Romane Oliver Twist und David Copperfield sind die bekanntesten Beispiele hierfür.
Doch auch wenn es sich hierbei um eher düster gefärbte Anklänge handelt, schmälert dies nach Ansicht des Biographen keineswegs Charles Dickens literarische Qualität. Überwiegend positiv beurteilt Gelfert sein Œuvre, das sich für ihn vor allem durch komische und groteske Elemente, eine leicht melodramatische Sozialkritik, einen »diagnostischen Blick auf die conditio humana« und cineastische Bildhaftigkeit auszeichnet. Schon in seinen ersten Erzählungen, den Skizzen von Boz sieht er Dickens' Weltrang als Autor begründet. Es sind Geschichten, die den Alltag der so genannten kleinen Leute in London widerspiegeln und die die wichtigsten Komponenten seiner späteren Werke, zu denen er Sprachvirtuosität, eine präzise Beobachtungsgabe, stimmungsvolle Schilderungen und einen gewissen Humor zählt, enthalten.
Wie angemessen diese Beurteilung der dickensschen Erzählkunst ist, lässt sich anhand der äußerst gelungenen Neuübersetzung seines Romans Große Erwartungen, der nun in einer bibliophilen Ausgabe vorliegt, feststellen. Hier schildert Dickens den Läuterungsprozess seines Protagonisten Pip, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt und dank eines Wohltäters zu großem Wohlstand und luxuriösem Lebensstil kommt. Mit leichter Feder, grandiosen Dialogen und atmosphärischen Szenen führt der Autor dem Leser Pips Entwicklung vom jungen Schmied zum Gentleman und seine durch Widrigkeiten verursachte Rückkehr zu bescheideneren Verhältnissen vor Augen, sodass man unversehens in das Geschehen hineingezogen wird.
Aber nicht nur die Handlung, sondern auch die Gestaltung der Protagonisten lassen diesen Roman als Kunstwerk erscheinen: Sowohl Pips gutmütiger Adoptivvater Joe, seine harsche Schwester Mrs. Joe Gargery und die hochmütige Estella als auch die in Trauer versunkene Miss Havisham oder der waghalsige Ex-Sträfling Abel Magwitch werden eindrücklich dargestellt – der englische Lyriker T.S. Elliot bringt es auf den Punkt: »Dickens' Figuren gehören der Poesie an, wie die Figuren bei Dante und Shakespeare, indem ein einziger Satz von ihnen oder über sie bereits genügen kann, um sie uns völlig gegenwärtig zu machen.« Ein Urteil, das den Literaten Charles Dickens rehabilitiert und den Großen Erwartungen in jeder Hinsicht gerecht wird.