Geheimnisvolles Pheenreich
Fragen über Fragen, mit denen sich das Mädchen plötzlich konfrontiert sieht. Die Antwort ist ein Alptraum: Julis Mutter ist eine der wenigen »Pheen«, die in einer streng normierten Gesellschaft ein rechtloses Dasein fristen. Pheen und ihre Kreativität – Julis Mutter war Malerin – werden verachtet, ihre Kunst ist verboten. Julis Ahnungslosigkeit weicht dem Wunsch, mehr über dieses andere Leben, mehr über ihre Mutter zu erfahren. Das wiederum bedeutet, sich gegen gängige Normen zu stellen, Regeln zu verletzen, die für unumstößlich gehalten wurden, und eine Freundschaft mit Ksü und deren Bruder Ivan zu wagen, die dieser Gesellschaft längst den Rücken gekehrt haben.
Alina Bronsky entwirft eine Dystopie, in der dem Individuum längst jegliche Freiheiten genommen sind. Das Erstaunliche dabei: Sie verändert unsere Welt nur wenig, um diese neue Welt zu skizzieren. Eine Klassengesellschaft, eingeteilt in die Normalen, Freaks und – da kommt Magie ins Spiel – Pheen, bei der die Normalen alle macht in Händen halten und sie gegen Freaks und Pheen verzweifelt mit allen Mitteln zu verteidigen suchen. Dabei gibt es Verbindungen zwischen diesen Gruppen, geheime Abhängigkeiten, dunkle Geheimnisse. Mit der Suche nach ihrer – entführten? – Mutter stößt Juli auf viele dieser mysteriösen Rätsel. Man mag beim Lesen an einigen Stellen den Kopf schütteln über die vermeintliche Ahnungslosigkeit der 15jährigen. Andererseits bietet Bronsky durchaus Erklärungen an, nämlich eine Mutter, die es immer wieder versteht, die Aufmerksamkeit ihrer Tochter von gefährlichen Fragen abzulenken. Und wie schwierig es ist, anerzogene Regeln beiseitezuschieben und sich dem Mainstream zu verweigern, ist überaus glaubwürdig und nachvollziehbar beschrieben.
Vielleicht sollte man auch in diesem Fall die Altersempfehlung des Verlages ernst nehmen: Spiegelkind ist für Leser und Leserinnen ab 11 Jahren. Genau bei dieser Zielgruppe funktioniert der magische Charme der Geschichte, fiebert man mit den Helden und entwickeln die merkwürdigen Heimlichkeiten jene Sogwirkung, die einen ungeduldig auf die Fortsetzung warten lassen. Und wenn der zweite Band auch wieder mit so einem wunderschönen Cover – zarte Blatt- und Blütenranken in Blau-Grün-Tönen, überzogen von einem zarten, silbernen Gespinst – aufwartet und die Story, die mit vielversprechenden »Es fängt alles erst an.« endet, so fantasievoll weitererzählt wird, sollte man eigentlich mit dem Lesen jetzt beginnen. Alina Bronsky schreibt sicher anders als erwartet, aber alles andere als enttäuschend.