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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:15

Herta Müller: Die blassen Herren mit den Mokkatassen

08.10.2009

Aus Schnipseln eine Welt

Eine Rezension ihres Buches Die blassen Herren mit den Mokkatassen, ein schmaler Band, der es in sich hat: Nicht auf der Schreibmaschine oder dem Rechner getippt, sondern gebastelt mit Schere und Kleber. Von THOMAS COMBRINK

 

„Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ – so der Titel des neuen Buches von Herta Müller. Was erwartet man bei so einer Überschrift? Worauf kann man sich gefasst machen? Der dunkle Mokka und die kreidefarbenen Männer, das ist ein Gegensatz wie die schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier. Geht es in diesem Buch um Literatur? Ja, darum dreht es sich, aber auf eine andere Art und Weise als bei vielen anderen Büchern. Denn Herta Müller hat die Sätze ihres Werkes nicht etwa auf der Schreibmaschine oder der Tastatur des PCs getippt. Sie hat - in Erinnerung an Kindertage vielleicht - Schere und Kleber zur Hand genommen, in allerhand Zeitschriften und Zeitungen emsig geblättert, Buchstaben, Wörter und auch ganze Sätze heraus geschnitten und sie mithilfe des Klebers an Orten befestigt, an denen man ihr Auftauchen gar nicht erwarten würde.

Während in den literarischen Debatten der letzten Jahre von Intertextualität, dem offenen und verdeckten Zitieren die Rede ist und über das Eigentum an Sprache verhandelt wird, kommt bei Herta Müller noch ein weiteres, quasi typografisches Element zum Vorschein: dass nämlich Sprache auch immer eine ganz konkrete Körperlichkeit besitzt, die vermeintlich unabhängig von alle Bedeutungen zu sein scheint. Mit dem letzten Satz klingt bereits die Skepsis an einer sauberen und sterilen Trennung zwischen dem Zeichen und der Bedeutung des Zeichens an, denn gerade dieses Verhältnis ist innerhalb der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts - gerade französischer Provenienz - immer wieder heftig diskutiert worden.

Körperlichkeit der Sprache

Die collagierten Schriftzeichen variieren in Typus, Größe und Farbe (auch des Hintergrundes), und den einzelnen Seiten sind zusammengesetzte Bildmaterialien hinzugefügt, die die Schrift sowohl illustrierend stützen als auch verfremdend unterwandern. In welchem Verhältnis Schrift und Bild zueinander stehen, kann nur der Leser selbst - und häufig mit einiger Mühe - herausfinden.

Doch worum geht es in diesem Buch? Gibt es einen Inhalt, der mit wenigen Sätzen paraphrasiert werden kann? Wenn die Frage so gestellt ist, muss sie meistens, wie auch in diesem Fall, verneint werden. „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ stellt eine Sequenz collagierter Blätter dar, bei der es quasi eine Option für die Lesenden ist, ob jedes Blatt als Individuum oder als notwendiges Mitglied eines Gemeinwesens betrachtet wird: oberflächlich unverbunden und unterirdisch verknüpft. Was den sogenannten Inhalt anbelangt, so ist seine Charakterisierung vielleicht am ehesten anhand des Wortes „skurril“ möglich, denn es drückt zum einen eine gewisse - liebevolle - Absurdität des Geschehens aus und zum anderen macht es deutlich, dass etwas undefinierbar Humoristisches in diesem Geschehen steckt. Ein Beispiel: „Frau Osang steigt zweimal / die Woche in meinen / Kleiderschrank weil Sie mit / dem dreier Bus zu ihrer / Schwester fahren muss nach / 17 Minuten taucht sie / wieder auf zeigt ihre / blauen Zehn wiegt sich / schräg will nichts wie weg / und sitzt bei mir und / raucht und später sitzt / mein Nachbar hier der riecht nach siebenerlei Staub / und sagt ich glaub sie zwängt sich auch in meinen / Schrank und bleibt viel länger als man denkt weil sie / per Schiff über den Fluss zu ihrem Bruder fahren / muss ich schau ihn an wie ein Fasan in der Natur / der Sache lache ich und fürchte mich und habe / das Problem dass ich nicht weiß vor wem“

Nachdenkliches Lachen

Der Text ist in Verse gebrochen, was uns zu der Vermutung führt, dass es sich hier um Lyrik handeln könnte. Der Verlag gibt uns hingegen keinerlei Hinweise auf eine Gattung. Der Reiz der Arbeit liegt dann auch eher in dem Aufheben von Kategorien. Zwar wird mit lyrischen Mitteln gearbeitet, dennoch deutet die Vollständigkeit im Satzbau und die fast erzählerisch anmutenden Elemente auf die Form der Prosa hin. Wichtiger scheint aber noch etwas anderes zu sein, wie es das Beispiel mit Frau Osang zeigt: Man ist ganz baff, was die Personen in diesem Buch für Dinge anstellen, und es zeigt sich damit, dass in diesem Buch immer wieder mit den herkömmlichen psychologischen Erwartungshaltungen gespielt wird. Die Absurdität der Handlungen erzeugt gleichsam ein Lachen und eine Nachdenklichkeit.

 

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