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Jonathan Lethem: Motherless Brooklyn

19.02.2004

Tourette de Force

Lethem gelingt es, das Tourette-Syndrom - das die Betroffenen unkontrolliert tatschen, zucken, schreien, reimen, fluchen, kurz: Tics haben lässt - über Slapstick und Fallstudie hinaus zu ästhetisieren. Von MATHIAS TRETTER


 

Im einundzwanzigsten Jahrhundert gibt es nichts mehr Neues. Die populären Romane des neunzehnten bevölkerten Waisen, die des zwanzigsten Detektive. Wir Spätgeborenen lesen von Waisen, die Detektive werden. Und alles ist populär. In unserem Fall heißt der elternlose Ermittler Lionel Essrog; und das Waisenhaus steht, wo ein ordentliches Asyl heute stehen muss: in Brooklyn. Lionel ist fünfzehn, als der "Transportunternehmer" Frank Minna ihn und seine Mitschüler Tony, Danny und Gilbert zum ersten Mal für einen Gelegenheitsjob abholt. Für zwanzig Dollar und ein Bier verladen die pubertierenden Leiharbeiter Kisten unbekannten Inhalts. So geht es weiter, bis aus den Jungen die "Minna Men" geworden sind, und ihr Boss den Fahrdienst zu einer Detektei umwidmet. Minna ist längst zum enigmatischen Vorbild der drei avanciert, Freund und Mythos zugleich, Vater ihrer Ersatzfamilie. Für ihn arbeiten sie, auch ohne zu wissen, was sie eigentlich tun. Bis Lionel und Gilbert ihn schließlich verblutend in einer Mülltonne finden - und der Ich-Erzähler sich auf die Suche nach dem Mörder macht.

 

Viel mehr bliebe zu diesem Sujet nicht zu sagen, gäbe es in Jonathan Lethems Roman Motherless Brooklyn nicht doch etwas Neues, d.h. etwas Pathologisches: Lionel hat Tourette, jenes vom gleichnamigen Mediziner erstmals 1885 beschriebene Hirn-Syndrom, das die Betroffenen unkontrolliert tatschen, zucken, schreien, reimen, fluchen, kurz: Tics haben lässt. Im Unterschied zu anderen Störungen jedoch ticen Touretter bei vollem Bewusstsein und meist überdurchschnittlicher Intelligenz.

 

Immer wieder, einzeln und in Serie, repetitiv, realistisch und dadaistisch, "charakteristisch autistisch mystisch mein Tic Dummfick Sackgesicht" sprudelt es so aus Lionel. Seine Psyche muss Ordnung stiften, wo sie Chaos sieht, und jene Oberflächen zerkratzen, die allzu glatt erscheinen.

 

Zunächst ist damit natürlich die Komödie gesichert. Denn selbst im Mutterland der Political Correctness wird man sich das Lachen kaum verkneifen können, wenn der gehandicappte Detektiv etwa um den Restauranttisch einer Gruppe finsterer, buddhistisch angewehter Yakuzas springt, "Mönch, Mönch, Molch!" skandiert und sich schließlich mit "Lutsch mich Fujisaki!" verabschiedet.

 

Doch Lethem gelingt es, das Syndrom über Slapstick und Fallstudie hinaus zu ästhetisieren. Wie nichts anderes verkörpert Tourette die postmoderne Konstellation: Einem diffusen Ich entweichen Worte, die sich nur auf einander beziehen. Die Sprache spricht und bedeutet sich selbst. Und die Lust am Text ist selten größer als bei Lionel Essrog Lügnie Freßtrog.

 

Gleichzeitig, paradoxerweise, hält gerade dieser wunderbare Freak die zersplitterte Welt aus Kitano und Chandler, Tarantino und Zen zusammen, souverän den Versatzstücken gegenüber und nie sentimental mit sich selbst. Wirklich unkontrolliert bleiben im fiktionalen Kosmos nur die Tics des Übersetzers: Ein "Wirtshaus" in Brooklyn etwa, "Kaisersemmeln" an der Upper East Side, ein paar wörtlich übertragene Witze, die im Deutschen nicht funktionieren. Damit aber kann der Leser leben, wie Lionel mit Tourette.

 

 

Textauszug:
Haben Sie bemerkt, daß ich alles auf mein Tourette zurückführe? Genau, Sie haben es erraten, ein weiterer Tic. Zählen ist ein Symptom, aber Symptome zählen ist auch ein Symptom, ein Ticplusultra. Ich habe Meta-Tourette. Wenn ich über Tics nachdenke, läuft mein Verstand auf Hochtouren, die Gedanken ziehen aus, um jedes mögliche Symptom zu fassen. Das Fassen zu fassen. Das Zählen zu zählen. Das Denken zu denken. Das Erwähnen erwähnt Tourette.

 

 

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