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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:26

Joy Cowley: Schlange und Eidechs

17.09.2009

Unterschiede verbinden

Freunde finden ist so schwer nicht, Freundschaft halten jedoch sehr. Das, was den einen von der anderen unterscheidet, ist letztlich unüberbrückbar, heißt es. Zu Unrecht. Pfiffig führen zwei Wesen mit ganz unterschiedlichen Lebenseinstellungen vor, wie gerade der Unterschied eine Freundschaft wachsen lässt. Von MAGALI HEIßLER

 

Es beginnt mit einem Streit und gleich um den Platz an der Sonne. Nein, sie mögen sich gar nicht, als sie sich das erstemal begegnen, die sonnenhungrige Schlange und der genauso sonnenhungrige Eidechs. Aber plötzlich, ist es die Einsicht? die Großzügigkeit? ein Sinn für Humor? lenkt einer ein. Da kann die andere nicht zurückstehen. Zusammen sitzt es sich so schön in der Sonnenwärme, dass man ins Plaudern kommt und nicht mehr aufhören will. So kann es anfangen.

So geht es auch weiter. Man kann nicht in die Höhle des anderen ziehen, denn was für den einen weit ist, ist für den anderen eng. Man kann nicht dasselbe essen, was die eine appetitlich findet, ekelt den anderen. Das Leben sieht für eine, die fast nur aus Schwanz besteht, völlig anders aus, als für einen, der Beine hat. Mißverständnisse sind an der Tagesordnung. Woher sollte Eidechs wissen, dass das schöne große Ei, mit dem er Schlange eine Freude machen wollte, keinen erfreulichen, sondern einen gefährlichen Inhalt hat?

All das muss Freunde aber nicht auseinandertreiben. Mauern lassen sich niederreißen, man kann beim Essen zusammensitzen, auch wenn jeder ausschließlich das Seine verzehrt. Zu zweit kann man viel mehr unternehmen. Vor allem aber kann man gemeinsam lachen, nicht zuletzt über die Missgeschicke, die der Alltag mit dem Anderen bringt. Ohne den anderen wäre das Leben nicht halb so interessant.

Der Unterschied macht’s

Joy Cowley schreibt seit gut einem halben Jahrhundert Kinderbücher, ihre Erfahrung und die Sicherheit im Umgang mit komplexen Themen für ein recht junges Lesepublikum stehen hinter der wunderbare Leichtigkeit, mit der die fünfzehn kleinen Geschichten erzählt werden, die eigentlich Alltagsbegebenheiten enthalten und auf den ersten Blick nicht sonderlich originell erscheinen. Das hat man doch alles schon erlebt, denkt man beim Lesen, und nicht nur einmal. Stimmt. Aber man hat sie nie zuvor unter dem Blickwinkel betrachtet, den Schlange und Eidechse bieten. Plötzlich ist die vertraute Welt wie neu. So hat man sie nie erlebt.

Eingesetzt werden die Mittel der klassischen Fabel, die Tiere stehen für Menschen, was sie erleben, ist der Lebenswelt der Menschen entnommen und nur oberflächlich auf das Tierreich übertragen. Die beiden Helden sind aber weder niedlich noch treten sie behäbig belehrend auf. Ihre Einsichten werden gescheit, verschmitzt und mit jener Art von geistreichem Humor dargeboten, der jeder moralischen Belehrung den säuerlichen Ton nimmt und sie auf den Weg zur Weisheit bringt. Und zwar ihrer Zeit angemessen. Die Erlebnisse von Schlange und Eidechse und die Erkenntnisse, die die beiden gewinnen, sind heutig im besten Sinn.

Das Leben mit dem Unterschied...

... in dem Wissen, dass Unterschiede nicht zu beseitigen sind. Trotzdem kann man in Freundschaft leben, Seite an Seite. Man darf sich auch necken, die Interaktion unserer beiden Helden enthält fast immer unwiderstehlich komische Elemente. Doppelbödigkeiten, gewürzt mit einem kleinen Schuss Ironie sind häufig.
Man lernt aber zugleich, dass das, was man im Übermut anrichtet, auf einen selbst zurückschlagen kann. Dass Worte und Handeln zwei ganz verschiedene Dinge sind, dass sich so manches leicht ausspricht, aber unangenehm anfühlt, wenn man unversehens selbst betroffen ist. Gleich, wie komisch die meisten Geschichten sind - und die meisten sind einfach ein herrlicher Spass - dahinter stecken ernsthafte Überlegungen zum wichtigen Thema: wie gehe ich angemessen mit anderen um.

Die einzelnen Geschichten sind keine bloße Aneinanderreihung von Episoden aus dem Leben von Schlange und Eidechse, vielmehr wachsen die beiden im Lauf ihres Zusammenlebens zu Persönlichkeiten heran, mit spezifischen Charaktereigenschaften, positiven wie negativen. Sie sind bemerkenswerte Figuren, in ihren Eigenarten wie in ihrem Bestreben, genau damit eine echte Freundschaft zu leben.

Die kleinen Zeichnungen von Gavin Bishop lassen in ihrer Farbgebung die Wüstenlandschaft, in der Schlange und Eidechse leben, überzeugend erstehen, während die Figuren die pralle Lebendigkeit der Geschichten aufs Beste unterstützen - eine echte Bereicherung des Kinderbuchregals.

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