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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:27

Miljenko Jergovic: Sarajevo Marlboro

28.09.2009

Im Irrgarten des Krieges

Miljenko Jergovi? erzählt in seinen Kurzgeschichten vom Krieg in und um Sarajevo, von den Wirren eines Bürgerkriegs, bei dem niemand so genau zu wissen scheint, welche Seite was gegen wen auszurichten versucht, und von den Menschen, die in diesem blutigen und manchmal grotesken Chaos einen Alltag pflegen. Von SIMONE SCHRÖDER

 

Es gibt Bücher, bei denen würde man sich wünschen, dass vorab auf zwei, drei Seiten der politische Hintergrund erläutert würde, vor dem sich das Erzählte abspielt, weil man sich in ihnen sonst verloren wie in einem Irrgarten fühlen würde. Sarajevo Marlboro, der Kurzgeschichtenband des bosnischen Kroaten Miljenko Jergovi?, ist so ein Fall, und zum Glück hat der Verlag Schöffling & Co. sich entschieden, ihn um ein sehr aufschlussreiches Nachwort von Daniela Strigl zu ergänzen. So gewinnen viele von Jergovi?s Geschichten gerade dadurch, dass man ihnen einen Kontext gibt, zusätzlich an Wirkung. Sie stehen neben den Texten, in denen der Irrgarten zum Gestaltungsprinzip wird, wo gerade das Chaos verschiedener, zersplitterter Fraktionen, die in einem blutigen Bürgerkrieg, bei dem niemand (Autor und Leser inklusive) so recht zu wissen scheint, welche Seite genau was gegen wen auszurichten versucht, am meisten über Zeit, Land und Leute auszusagen vermag.

Kultureller Krisentourismus

In Jergovi?s Heimat ist Sarajevo Marlboro bereits 1994 erschienen. Zwei Jahre zuvor hat die Belagerung von Sarajevo mit einem Angriff der Jugoslawischen Bundesarmee begonnen. Susan Sontag führte in Sarajevo ihre berühmte Inszenierung von Warten auf Godot auf und wurde von Jean Baudrillard kritisiert, der ihr vorwarf, mit einer solchen Aktion vor allen Dingen etwas gegen den Realitätsverlust der eigenen Kultur zu unternehmen. Diese besonders extravagante Variante kulturellen Krisentourismus kann Miljenko Jergovi? keiner zum Vorwurf machen, wenn er vom Schicksal der Menschen in und um Sarajevo erzählt. Als Einheimischer hat er – das ist sein Vorteil gegenüber Peter Handke – die Möglichkeit, Recht und Unrecht in die Geschichten zu verweben und so dem Leser einen von der medialen Kriegsdarstellung unabhängigen Blick auf sein Land zu präsentieren.

Geschichten vom Krieg

In der Regel sind die Erzählungen von Miljenko Jergovi? nicht besonders lang, meistens um die fünf Seiten. Und es wirkt manchmal, als wären sie eine einzige Variation der gleichen Geschichte. Fast immer geht es um Menschen, die durch den Krieg etwas verlieren, sei es einen Kaktus, der im Luftschutzkeller eingeht, einen zersprungenen Spiegel oder einen wichtiger Freund. Dabei handeln sie auf zwei Arten vom Krieg: direkt und indirekt. Direkt insofern, als geschossen, gekämpft und gefoltert wird – indirekt insofern, als der Krieg für die Menschen längst zum Alltag gehört und damit oft in den Hintergrund tritt, das Leben der Menschen aber auch von dort bis ins Detail bestimmt. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte, in der sich beim gemeinsamen Wasserholen eines jungen Pärchens eine Kugel verirrt und am Schluss eine junge Frau mit Loch in der Stirn neben den vollen Wasserkanistern liegt, aus denen in schmalen Strahlen das Wasser sprenkelt, wo die Kugeln eingedrungen sind.

Baum des Lebens

Oder die Geschichte, in der es um den Streit zweier Nachbarn geht. Die eine Familie hat einen prachtvollen Apfelbaum im Garten stehen und für die Töchter der anderen ist kein Apfel vom Markt „so verlockend, wie ein Apfel von unserem Baum“. Als sie Äpfel klauen, kommt es zum Streit und die Nachbarn reden Jahre nicht mehr miteinander. Erst der Krieg, verbunden mit schweren Verlusterfahrungen, bringt die beiden Familien wieder einander näher, sodass schließlich eine Tüte Äpfel zum Geschenk wird, das Trost spendet. Dort, wo die Häuser Ruinen sind und die Äcker Friedhöfe, wird ein Apfelbaum schnell zum Symbol des Lebens. Dabei ist es Jergovi?s Kunst, ähnlich wie bei seinem Vorbild Raymond Carver, das Wesentliche oft unerzählt zu lassen, ihm dadurch eine dunkle Kraft zu geben, die das Gefühl existentieller Tiefe aufscheinen lässt. Den „Gedächtnisraum Jugoslawien, mit allen Verwirrungen der Politik, allen Schrecknissen des Jahrhunderts, aber auch allen seismographischen Kurven der Populärkultur“ macht er, wie Daniela Strigl schreibt, damit einem Publikum zugänglich, „das er nicht nur das Fürchten, sondern auch das Staunen lehrt“. Dem bleibt nur, sich anzuschließen.

 

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