Wo könnte man eine Ost-West-Lovestory besser ansiedeln als in der Berliner U- und S-Bahn? Das unterirdische Schienengewirr auf der Strecke zwischen S-Charlottenburg und U-Schönhauser Allee ist wahrscheinlich nicht gerade der romantischste Platz auf der Welt, um sich zu begegnen, aber für jeden, der einmal in Berlin war, ein sehr authentischer Ort.
Mit 1,86 m Größe ist Molly Lenzfeld wohl eher eine Mauerblume als ein Mauerblümchen. Sie leidet nicht nur unter ihrer Körpergröße und den viel zu großen Füßen, an die mit Schuhgröße 44 grad mal klobige Militärstiefel passen. Vor allem fehlt der jungen Deutschamerikanerin ihre Mutter, die starb, als Molly 11 war. Nun hat sie ihren Vater, einen Chemieprofessor, nach Berlin begleitet. Geplant war ein Jahr, aber Molly hat keinen Kontakt gefunden und ihr Rückflug in die USA ist bereits gebucht. Ein letzter Ausflug in den Berliner Osten, der jetzt problemlos möglich geworden ist, soll sie zu dem Geburtshaus ihrer Mutter führen. Und ausgerechnet da stolpert sie in den Ostberliner Schauspielstudenten Mick.
Verschlafen
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer setzt Rahlens ihre Akzente ebenso bewusst wie originell. Molly hat die Ereignisse des 9. Novembers einfach verschlafen. Nachbarn hatten zwar geklingelt und sie und ihren Vater zum Mitfeiern eingeladen, aber Molly fühlt sich nichts weniger als Teil dieser historischen Nacht und verschwand einfach wieder ins Bett. Mick dagegen berichtet, wie er mit dem Rad probiert hat, ob die Sonnenallee wirklich offen ist. Und „Sonnenalle“ sagt Molly natürlich gar nichts.
Sie wissen nichts voneinander und nichts von dem Leben, dass der jeweils andere vor diesem 9. November gelebt hat. Sie erzählen. Von jüdischen Festen und Bräuchen, von der kleinen Mauer, die Mollys Mutter zusammen mit den anderen Mietern und Kindern gebaut hat, damit Nachbars Hühner nicht in den Hof kommen und in dem kleinen Garten die Blumen fressen. Von Legosteinen, die Mick im Westteil gekauft hat und von Pebe, dem DDR-Pendant.
Offenheit statt Überheblichkeit
Rahlens kleine Grenzüberschreitung lässt uns Augen, Ohren und Nasen aufsperren. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, Ketwurst, der spröde Charme der Kellner im Mitropa-Restaurant: hier werden sie zu erinnerten DDR-Kennzeichen und verlieren jeglichen Klischeecharakter. Das ist ein Kunststück, das Rahlens dadurch gelingt, dass sie ihre junge Heldin selber Augen, Ohren und Nase aufsperren und ihre Ost-Eindrücke ganz direkt in der Ich-Form schildern lässt. Immerhin bringt sie vor allem New Yorker Offenheit mit statt Westberliner Überheblichkeit.
Vier Stunden U-Bahn-Fahrt werden zum lebendigen Geschichtsunterricht ohne dass auch nur eine Sekunde Langeweile aufkommt – weder bei Molly und Mick noch bei den Lesern.
Riesin trifft Riesen, kann plötzlich witzig und offen sein und die ganz großen Szenen geschehen einfach nebenbei. „Weißt du, was ich an der deutschen Sprache mag?“, fragt Molly. „Wie man ganz neue Wörter aus kleineren bauen kann. Die deutsche Sprache hat so viele davon. Sie sind wie Legosteine. Legosteine von verschiedenen Sets. Sie haben gar nichts miteinander zu tun, wenn man sie aber aufeinandersteckt, passt alles prima, und zusammen geben sie etwas völlig Neues.“ Eines von Mollys Beispielen ist „Vergangenheitsbewältigung“. Und Mick wiederholt es langsam ehe er meint: „Das Wort kenne ich nicht.“
Subtil, akribisch recherchiert und einfach toll zu lesen: eine Legospur führt quer durch diesen Wenderoman für die Jugend, der man einfach folgen kann, egal ob aus Ost oder West.