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Michael Roes: Die fünf Farben Schwarz

05.10.2009

Reise ins Herz des fernen Ostens

Unter den deutschen Schriftstellern der Gegenwart ist er der große Ethnologe und Philosoph des Fremden. Michael Roes variiert in dem 570-seitigen Roman Die fünf Farben Schwarz erneut sein Thema von der Verständigung der Kulturen. Von TOM THELEN

 

Mit seinem voluminösen Habilitationsprojekt Rub’al-Kahli – Leeres Viertel von 1996 wurde Roes dem Publikum bekannt. Damals verband er eine akademisch gearbeitete Studie mit einer Reisegeschichte, die vor sattem Leben und Abenteuern nur so strotzte. Seither beschäftigten sich seine Werke immer wieder mit dem Fremden und den kulturellen Formen, die in Landschaften und Gegenden eingeschrieben sind. Stets arbeitet er manisch materialreich und entwirft barock ausgearbeitete Panoramen der globalen Realität.

Es ist müßig zu überlegen, ob China von Europa kulturell weiter entfernt ist als Patagonien oder der Kongo. Fest steht aber, dass das Riesenreich im Osten denkbar gut geeignet ist, um die scheinbaren Gewissheiten unserer Kultur aufzuweichen. Die Kernkonstruktion des Romans ist entsprechend nicht neu: Ein Protagonist aus der Mitte der vermeintlichen Zivilisation gerät immer tiefer in die Fremde, verliert zunächst viele seiner bisherigen Gewissheiten und Sicherheiten, ehe schließlich sogar Moral, Ethik und der Kern seiner Identität auf dem Spiel stehen. Zuletzt die Gesundheit und das Leben.

So geht es Joseph Conrads Marlow, als er sich ins „Herz der Finsternis“ begibt, so ging es dem Protagonisten in Christian Krachts 1979, der im Umerziehungslager endet. Und so geht es vielen der großen Reisenden der jüngeren Literaturgeschichte zwischen o­ndaatje und Chatwin.

China zwischen Historie, Kommunismus und Popkultur

Bei Roes ist es ein ziemlich unsympathischer, defätistischer Jammerlappen von einem Philosophieprofessor namens Holz, der seine akademischen Erfolge als schal erachtet und einzig fasziniert ist von der fremden Gedankenwelt eines chinesischen Studenten. So nimmt er eine Gastprofessur in Nanking an, wo er irgendwie tatenlos treibend immer tiefer in die komplexen Strukturen der chinesischen Gegenwart zwischen Popkultur, Kommunismus und monumentaler Historie hineingezogen wird. Letztlich landet er natürlich ziemlich unschuldig und kafkaesk in einem üblen Knast, wo wir ihn uns als glücklichen Menschen vorstellen müssen.

Das ist jedoch nur eine Ebene dieses fest an der Tradition der Moderne entlang geschriebenen Werkes. Es wimmelt also von Doppelgängern, Exkursen und Experimenten. Eine mysteriöse kriminalistische Familiengeschichte um einen verschwundenen Sohn wird in Rückblenden erzählt, ein langer Essay über den Tod flankiert die Handlung und Aphorismen-Sammlungen und Aufzählungen und Notate kann man – böse gesagt – als Resteverwertung ganzer Materialsteinbrüche verstehen.

Denn das ist natürlich das Problem mit einem manischen Schreiber, wie Roes scheinbar einer ist: Er ist vom Selbstverständnis her offenbar keiner, der Literatur als Mittel zur Komplexitätsreduzierung sieht. Das ist sie als Medium zwar notwendigerweise sowieso, doch vielmehr versucht er, die Komplexität des Vorgangs der Kommunikation mit dem Fremden präzise zu sezieren und darüber dann Erkenntnisse über die Konstruktion der eigenen Identität zu erhalten.

Kurz gesagt: man muss sich einlassen auf diese wortgewaltige (Studien)reise, um belohnt zu werden. Beschenkt wird der Leser mit unzähligen Passagen über das chinesische Alltagsleben, mit farbenprächtigen und atmosphärischen Schilderungen einer fremden Welt, wild wuchernden Traumsequenzen und mit tiefsinnigen Einsichten und philosophischen Höhenflügen eines originellen Denkers.

Durchsetzt ist der Roman mit literarischen Zitaten einschlägiger Verdächtiger von Adalbert Stifter bis Joseph Conrad. „Conrads Herz der Finsternis ist ein imaginärer Ort, keine Metapher für einen Fleck auf der Landkarte, sondern ein Organ unseres Körpers, graue Gehirnmasse, harziger Hohlmuskel“, weiß etwa der Protagonist.

Diese Aussage könnte man typisch nennen für den Autor Roes. Der mag das Reisen, den Kontakt mit dem Fremden nicht auf ein intellektuelles Spiel reduziert wissen, sondern als eine mit Leib und Seele, mit allen Sinnen und Risiken betriebene, letztlich also lebensgefährliche und prekäre Praxis. Es ist nicht einfach, derartige Expeditionen zu begleiten.

 

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