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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:32

Nick Hornby: Juliet, Naked

19.10.2009

Das einsame Kreisen der Planeten

Thema der meisten Romane des englischen Schriftstellers Nick Hornby ist das außerplanmäßige Kollidieren von Lebenswelten, die bis dahin in keinerlei Berührung miteinander standen. Die Figuren in Hornbys Bücher gleichen daher einsamen Planeten, deren gemächliches Kreisen jäh unterbrochen wird, da sie in den Sog anderer Planeten geraten. Das Hornby-Prinzip: Je entfernter die Planeten anfänglich voneinander sind, desto interessanter der Zusammenprall. Von BENJAMIN BORGERDING

 

So konfrontierte Hornby in About a Boy einen eitlen Schnösel mit einem komplett uncoolen Jungen und seiner überforderten Mutter, in How To Be Good ließ er das Leben einer stinknormalen englischen Familie durch den exzentrischen Quacksalber DJ GoodNews aus den Fugen geraten. In A Long Way Down trieb er das Prinzip schließlich auf die Spitze: Auf dem Dach eines Hochhauses trifft sich eine bunte Schar Lebensmüder, die sich in die erlösende Tiefe stürzen wollen. In all diesen Romanen gründen die Figuren im Laufe der Handlung Leidensgemeinschaften, innerhalb deren Grenzen sie füreinander so etwas wie Verantwortung übernehmen.

Dasselbe Strickmuster liegt auch Hornbys neuem Roman Juliet, Naked zugrunde. Die einsamen Planeten heißen in diesem Fall Annie und Duncan. Seit fünfzehn Jahren leben die beiden in einem eheähnlichen – das heißt hier: sterbenslangweiligen – Verhältnis im kleinen ostenglischen Küstenstädtchen Gooleness. Der narrative Fokus liegt von Anfang an auf Annie, mit der der Erzähler ganz offensichtlich stärker sympathisiert. Kein Wunder: Duncan wirkt wie eine Karikatur von Rob Gordon, der Hauptfigur aus Hornbys bestem Roman High Fidelity: Ein vierzigjähriger Fanboy, der sein Leben dem Werk von Tucker Crowe verschrieben hat. Der ist ein amerikanischer Singer-Songwriter, über dessen Platten und mysteriöses Abtauchen vor mehr als zwanzig Jahren sich Duncan und andere „Crowologen“ auf einem Internet-Forum die Finger wund schreiben.

Vierzigjähriger Fanboy

Die größte Devotionalie der Crowologen ist „Juliet“, Crowes letztes Album, in dem er die Trennung von einem Supermodel verarbeitet. Das Buch beginnt mit einer Art Pilgertour, auf die Duncan die entnervte Annie mitschleift, um Stationen aus Crowes Leben abzuklappern – etwa die Toilette in Minneapolis, auf der er vor seinem Verschwinden zuletzt gesichtet worden ist. Zu schnell begreift der Leser, mit wem er es bei Duncan zu tun hat: Einem Mann, der all seine Sehnsüchte auf ein ungreifbares Idol kapriziert, sein Leben darüber veröden lässt und versäumt, anständig mit seinen Mitmenschen respektive seiner Freundin umzugehen. Als Duncan eine Affäre mit einer Arbeitskollegin beginnt und sich Annie von diesem 2D-Wesen trennt, erfährt der Leser dankenswerterweise nicht mehr so viel von ihm.

Inzwischen hat dafür ein weiterer Erzählstrang begonnen. Im Zentrum niemand anderes als Tucker Crowe himself. Der lebt, verkracht mit mehreren Ex-Frauen und Vater mehrerer Kinder, mit seinem Sohn Jackson in Amerika. Nach seinem Abtauchen hat er nichts auf die Reihe gekriegt, das Interesse für seine Person im Internet nimmt er mehr angewidert als amüsiert zur Kenntnis. Es kommt, wie es kommen muss, nach aller Wahrscheinlichkeit aber sonst niemals kommt: Tuckers und Annies Gravitationsfelder kommen sich ins Gehege. Ursache ist ein Album mit Demo-Versionen von „Juliet“, das die Crowe-Verehrer weltweit in helle Aufregung versetzt. Aus Wut über ihren idiotischen Freund stellt Annie trotzig eine vernichtende Kritik ins Internet. Tucker liest diese Kritik, fühlt sich das erste Mal seit langem verstanden und schickt Annie eine E-Mail. Daraufhin schreiben sich die beiden ein paar Mal, Annie entwickelt eine Schwärmerei für Crowe und schließlich kollidieren sie.

Juliet, Naked möchte die magnetischen Kräfte innerhalb dieser unwahrscheinlichen Konstellation ausloten. Es geht um zerstörte Illusionen, verpasste Chancen und darum, wie wichtig es ist, sich auf andere Menschen einzulassen. Es ist klassischer Hornby. Und darin liegt auch das Problem: Denn Hornby ist leider alles andere als ein neugieriger Autor. Er versucht in seinen Büchern nicht in ihm unbekanntes Terrain vorzudringen. Die Botschaft des Romans ist haarklein dieselbe wie in den eingangs erwähnten. Wir sind zwar alle ganz allein auf der Welt, aber vor die Wahl gestellt, ist es immer noch besser, gemeinsam allein zu sein.

Es fehlt das Skelett und es fehlt auch das Fleisch

Was einem bei Juliet, Naked außerdem schnell auf die Nerven geht, ist der Erzählton. Er gleicht dem Geplapper eines Kumpels, der einem in einer Kneipe eine nicht besonders spannende Geschichte auftischt. Da er sie so zungenfertig vorträgt und mit vielen originellen Metaphern ausstaffiert, verzeiht man ihm, dass er einem eigentlich die Zeit stiehlt. Hier und da kippt sein Plauderton in eine überraschende Eloquenz um, da tauchen dann plötzlich Wörter wie Kaltmammsel auf und man fragt sich, wo um alles in der Welt der Kumpel diese Ausdrücke aufgeschnappt hat. Gerade die Dialoge wirken paradoxerweise in ihrer bemühten Jovialität etwas hüftsteif. Schlimmer noch: An ihnen haftet der Geruch der Beliebigkeit. Viel zu selten tragen sie zu einer Schärfung der Figuren oder der Handlung bei – was zumindest teilweise auch der zu direkten Übersetzung anzulasten sein dürfte.

Es ist nicht alles schlecht an Juliet, Naked. Aber es fehlt das Skelett und es fehlt auch das Fleisch. Das Ende des Buches kommt, ohne dass das Vorangehende großen Eindruck hinterlassen hätte – weder auf den Leser, noch auf die Figuren. Über eine der Hauptfiguren weiß der Erzähler am Ende zu berichten: „Er hatte nichts daraus gelernt, und er war nicht daran gewachsen.“ Wenig später heißt es: „Die Wahrheit über das Leben dagegen war, dass nichts jemals endete, bis man starb, und selbst dann hinterließ man noch einen ganzen Wust von nicht aufgelösten Erzählsträngen.“ Das ist sicher keine metafiktionale Bezugnahme auf den Plot des Romans. Die Weigerung, eine Erzählung mit Sinnhaftigkeit und Geschlossenheit zu versehen, zählt vielleicht zu dem hervorstechendsten Merkmal postmoderner Literatur, aber Juliet, Naked fällt nicht in diese Kategorie. Die Story will nach vorne, aber sie kommt nicht in die Gänge. Wer noch nie ein Buch von Nick Hornby gelesen hat, sollte daher nicht unbedingt mit diesem Roman einsteigen. Einer der anderen wäre besser.

 

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