von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:34

Jakob Wegelius: Sally Jones, eine Weltreise in Bildern (ab 10)

26.11.2009

Unvergessliche Heldin

Es gibt Helden, deren Schicksal einfach unter die Haut geht. Denen wie dem biblischen Hiob eine Katastrophe nach der anderen zugemutet werden und die sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Genau so eine Heldin ist Sally Jones, das tapferste Affenmädchen, das man sich vorstellen kann. Von ANDREA WANNER

 

Ihre Geschichte beginnt vor ungefähr 100 Jahren im afrikanischen Regenwald, wo in einer stürmischen Unwetternacht ein Gorillajunges zur Welt kommt. Es ist eine jener Nächte, die für die Zukunft der Kleinen nicht Gutes vorhersagen. Die düsteren Prophezeiungen erfüllen sich nach wenigen glücklichen Babyjahren. Das Affenkind wird von belgischen Offizieren entführt und als Baby verkleidet unter dem Namen Sally Jones außer Landes geschmuggelt. Sie soll in Istanbul das Verlobungsgeschenk für die schöne Fatima, Braut des türkischen Elfenbeinhändlers Ali Kazdim werden.

Abenteuer pur

Das ist erst der Anfang einer jahrelangen Odyssee quer durch die Welt, bei der Sally Jones kein Abenteuer auslässt. Sie wird im Auftrag einer Witwe zum geheimnisvollen Phantom, dem die unglaublichsten Einbrüche gelingen. Sie vegetiert jahrelang im Istanbuler Zoo in einem schrecklichen Käfig dahin und freundet sich dann mit einem Orang-Utan aus Borneo an. Sie reist mit einem Zirkus durch die Lande und lernt dabei nicht nur Autofahren. Sie lernt Zauberkunststücke und lesen und alles aufzuzählen, was die Affendame in all den Jahren so treibt, müsste eigentlich mehrere Bücher füllen.

Buchkunst pur

Jakob Wegelius kommt mit einem einzigen aus: 108 Seiten, von denen jede einzelne ein kleines Meisterwerk ist. In wundervoll altertümlicher Manier hat er die Szenen aus Sallys Leben gezeichnet und koloriert. Kein Blatt gleicht dem anderen. Seine Tierdarstellungen könnten aus einer Sammlung alter Stiche stammen, exakt und mit Kennerblick gezeichnet, sorgfältig mit den lateinischen Namen versehen: Neofilis diardi, Dicerorhinus sumatrensis oder Sus scrofa vittatus. Manchmal vergrößert er ein Detail, dann wieder wagt er einen Landkartenüberblick, damit wir uns besser orientiere können. Mal beherrscht Sally die Szene, dann gilt das Interesse einer der zahlreichen Figuren, die ihren Weg kreuzen. Die Texte sind knapp, der Detailreichtum steckt in den Bildern, auf denen man beim hundertsten Anschauen immer noch etwas Neues. (Denn was liest z.B. die fiese Witwe, die das ahnungslose Affenkind vermeintlich liebevoll umsorgt und dabei doch nur zu bösen Verbrechen anstiften wird, während sie ein Gläschen Wein schlürft und eine Zigarette – stilecht mit Zigarettenspitze – raucht? Es ist Edgar Allen Poes Murder in the Rue Morgue.) Wegelius’ Einfallsreichtum lässt Würgeschlangen als kunstvollen Rahmen den Text zusammenhalten oder ein gelb-rotes Polizeiabsperrband POLICE LINE – DO NOT CROSS – CRIME SCENE.

Unterhaltung pur

Warum wird man einfach das Gefühl nicht los, dass Wegelius eine Geschichte erzählt und uns hundert andere vorenthält. Jede neue Person, die auftaucht, hat ihr eigenes Schicksal, das kurz aufblitzt. Da ist die Lovestory zwischen Chief und Lola de Ville. Ohne Happy End natürlich. Oder die Tante von Kaspar Meyer, die alles auf eine Karte setzt und die Borneo-Expedition ihres Neffen finanziert. Der will nämlich eine wissenschaftliche Sensation landen, indem er nachweist, dass auf Borneo Gorillas leben. Si ein Quatsch. Da gibt es genau einen Gorilla, nämlich Sally Jones. Und deren einziger Grund, dort zu sein, war Baba – wir erinnern uns: der Orang-Utan aus dem Zoo in Istanbul. Aber Kaspar Meyer ist nicht der einzige, der sich täuscht. Aber was noch alles in dieser wahnwitzigen Story zwischen dem afrikanischen Regenwald, Istanbul; Singapur und New York geschieht, muss man genießen. Seite für Seite. Bild für Bild. Wort für Wort. Bis zur letzten Seite, einem wundervollen Sonnenuntergang und einem filmreifen Abgang.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Trash, Hype, Diskursgewaber & Nostalgieambient

Kurz und bündig: KRISTOFFER CORNILS über Pink Holy Days, Laurel Halo, Motion Sickness Of Time Travel und ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Er lebt, und er weiß es

Es muss einfach einmal gesagt werden: Er ist einer der Größten. Nächstes Jahr wird Randy Newman siebzig, und seine Zuhörer sind mit ihm alt geworden. Aber es sind genug, um den ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...