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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 05:37

Kerstin Ekman: Hundeherz

21.12.2009

Allein im dichten Wortwald

In Hundeherz nimmt Kerstin Ekman ihre Leser wieder einmal mit in den Wald – und der ist so dicht an Worten, dass das Verirren nur eine Frage der Zeit ist. JUDITH HAMMER hat das Buch gelesen und mit Kerstin Ekman gesprochen.

 

Zwölf Wochen alt ist der Welpe, der bei einem Jagdausflug im winterlichen Wald verloren geht. Einen Tag lang suchen die Hündin und ihr Herr nach ihm, dann geben sie es auf; da ist der Leser auf Seite fünf. Bleiben noch über hundert Seiten. Und jetzt: Eine weihnachtliche Disney-Geschichte, Hund trifft Eichhörnchen und Elch und gemeinsam überstehen sie Frost und Futtersuche? Nein, natürlich nicht. Dazu ist es Kerstin Ekman viel zu ernst. Dieser Hund bleibt ein Hund, er spricht nicht und verliebt sich nicht. Freunde findet er auch keine, nur ein großes Abenteuer, bei dem es um Leben und Tod geht. Zuerst droht er zu verhungern, aber er findet in letzter Minute einen gefrorenen Elchkadaver. Davon lebt er in der ersten Zeit, verteidigt das Futter mit gebleckten Milchzähnen gegen Fuchs und Krähen. Nach und nach verblassen die Erinnerungen an seine alte, kleine Welt: die Hündin, der Petroleumboden in der Küche und der Wurf, zu dem er gehörte. Durch die Jahreszeiten hindurch lernt er zu überleben. Doch irgendwann tauchen wieder Jäger auf, und für den verwilderten jungen Hund bedeutet das erst einmal Gefahr.

 

Hundesinne

Der „Verbindung zwischen Mensch und Hund ein Denkmal gesetzt“ habe die Autorin, schrieb die Irish Times. Um den Hund geht es aber nur auf den ersten Blick, auf den zweiten geht es um den Wald. Kerstin Ekman spiegelt den Wald im Hund, um ihn ihren Lesern nahe zu bringen. So nah, dass er den Tau an den Pfoten und die Zecken im Bauchfell zu spüren glaubt. Diese Nähe schafft zum einen die Erlebnishöhe Hund. Eine Perspektive, die wir Menschen im Wald allenfalls vom Pilze sammeln kennen. Zum anderen findet Kerstin Ekman Worte. Sie erfindet sie für die verschiedenen Arten, wie ein Baum rauscht oder ein Bach fließt. „Sonnenglast“ und „Wasserschlurken“ gibt es, und „ein Eichhörnchen knaspelte mit krummen Krallen an der Fichtenrinde“. Das ist zu Anfang fremd, der Leser wartet auf vertraute Begriffe, an denen er sich einklinken kann. Aber da ist nur der Hund, und auch der hat keine vertrauten Worte: „Es war (…) ein großes Loch in ihm, ein Nagen, ein Hunger nach (…) diesem kräftigen Lauwarmen, das das Maul füllte (…)“

Eine Herausforderung für die Übersetzerin und für den Leser: „Überall murmelten Gerüche.“ Dieses Buch verlangt Aufmerksamkeit und Geduld; den Wunsch, genau hinzusehen, der Autorin und dem Hund zu folgen. Wer dazu nicht bereit ist, empfindet die Schilderungen als lang, zu wenig durchsetzt von drastischen Schilderungen von knackenden Küken und verschlungenen Wühlmäusen.

Hundeherz wurde in Schweden schon 1986 veröffentlicht und in einem Kurzfilm verfilmt (2003, Dan Jåma und Roger Sellberg). Jetzt, nachdem in Deutschland auch andere Bücher von Kerstin Ekman wie Geschehnisse am Wasser (1995) oder Der Wald. Eine literarische Wanderung (2008) Erfolg hatten, erscheint Hundeherz auch hier. Kerstin Ekman hat zahlreiche Romane geschrieben, aber kürzere Erzählungen spielen in ihren Augen eine besondere Rolle in ihrem Werk: „Ich mag diese Bücher sehr, etwa Hundeherz (…)“, sagt Kerstin Ekman selbst, „ich denke, die Sprache ist interessanter und dichter.“
Das ist der bleibende Eindruck, der nach dem Lesen bleibt: einmal tief im dichten Wald gewesen zu sein.

 

 

Judith Hammer hat Kerstin Ekman auf der Buchmesse in Göteborg im September 2009 getroffen und fand Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch:

 

 

Perspektive ohne menschliche Bilder

Gerade ist Ihr Buch Hundeherz auf Deutsch erschienen. Warum ausgerechnet ein Hund?

 

Ekman: Ich habe schon immer Hunde gehabt und mit ihnen zusammengelebt. Der Hund in diesem Buch ist ein Jagdhund. So einen hatte ich nie. Aber als ich über ihn schrieb, habe ich ihn gesehen: Einen wunderschönen Hund, würdevoll, ernsthaft. Jeden Morgen, gegen sieben Uhr habe ich ihn gesehen; sein Besitzer fuhr auf dem Rad neben ihm. Das war er, mein Protagonist.


Wie haben Sie die spezielle Hundeperspektive entwickelt? Viele Bücher über Tiere lesen sich bisweilen etwas kitschig….


Ich kenne mich ein wenig aus mit Hunden, denn ich habe mit ihnen zusammengelebt. Und dann habe ich über ihre Psyche, ihr Verhalten und ihre Fähigkeiten gelesen, wie sie funktionieren. Ich wollte von Anfang an etwas über eine Landschaft schreiben, genau über diese Landschaft. Und ich wollte die menschliche Sicht der Dinge loswerden, mit ihren Metaphern. Ich habe in Hundeherz schon welche verwendet, aber nicht so viele. Der Hund war zu Beginn dieses Buches nicht geplant. Ich grübelte: Von wem soll diese Geschichte handeln? Von jemandem, der sich im Wald verirrt hat? Der hilflos ist, ohne jeglichen menschlichen Kontakt? Und man kann nicht einfach ein Baby oder ein Kind in den Wald setzen – es würde eingehen. Dann las ich einen Artikel in einer Jagdzeitschrift meines Mannes: Ein Hund war im Wald verloren gegangen, im Winter, und er wurde im darauf folgenden Herbst wieder gefunden. Da dachte ich: Das ist meine Hauptperson.

 

Also war es nicht von Anfang an ein Hund...


Neun, aber dann nahm der Hund natürlich eine wichtige Rolle in der Geschichte ein. Sie wurde zu einer Hundegeschichte. Zu Beginn jedoch war es nur der Wunsch, einmal auf eine andere Weise über die Natur und die Landschaft nachzudenken. Ohne menschliche Bilder, ohne das, woran wir als Menschen gewöhnt sind. Wenn wir an die Natur denken, ist das immer auf uns bezogen, auf unsere Gefühle. Das wollte ich nicht. Ich wollte eine andere Perspektive haben. Da kam der Hund.


Wie finden Sie die Worte dafür, was in der Natur passiert – gerade aus einer anderen Perspektive?

Ich glaube, ich mache das nicht – sondern sie kommen zu mir. Ich denke viel nach. Und dann überprüfe ich das Wort an dem Bild, das ich sehe. Es ist ein Prozess, der ich kaum beschreiben kann. Auf der einen Seite besteht er aus Technik und Handwerk, auf der anderen Seite aus Inspiration.

 

Wie würden Sie Ihre Beziehung zur Natur im Allgemeinen beschreiben?

Ach, ich lebe in einem kleinen Dorf, und davor habe ich in kleinen Dörfern oben im Norden gelebt. In der Nähe des Waldes, der Berge und des Wassers. Das hat einen großen Einfluss auf meine Sprache gehabt; die Natur ist mit meiner Sprache verschmolzen.

 

Ihre Sprache ist oft als “kraftvoll” und “präzise” beschrieben worden – was denken Sie, wenn Sie das lesen?


Ich kann es selbst nicht beschreiben, wie ich schreibe. Ich arbeite daran, das ist sehr wichtig. Es ist das Herz meiner Arbeit. Ich bin sehr vorsichtig mit Metaphern; falls ich welche benutze, dann nur, wenn sie von selbst kommen. Ich denke nicht „Oh, hierfür muss ich eine Metapher finden.“ Das ist der falsche Weg. Aber wenn sie von selbst auftauchen, dann kann ich sie testen. Eine Zeitlang erlaubte ich es mir überhaupt nicht, welche zu benutzen. Um die Sprache zu säubern, um sie auszuspülen, um sie immer mehr zu klären. Aber inzwischen bin ich damit nicht mehr so streng.

 

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Kommentar:
cooles buch werde es kaufen
| von cool, 28.11.2010

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