Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen
11.01.2010
Beschädigte Ware
Das Buch, das bei Suhrkamp erschienen ist, sei nicht das Buch, das sie habe vorlegen wollen, sagt Katharina Hacker. Uns gibt sie den Roman dennoch zu lesen. Was ist von ihm zu halten? fragt BRIGITTE HELBLING.
Nehmen wir zum Beispiel Billy Joel. Das Solo-Debüt des Leadsängers der Hassles erschien 1970 bei Family Productions, einem drittklassigen Label, das die Aufnahmen in der falschen Geschwindigkeit masterte, so dass Joels Stimme höher klang, als sie sollte, und dann die paar Tausender nicht ausgeben wollte, um den Fehler zu beheben. Joel weigerte sich daraufhin, eine weitere Platte für das Label aufzunehmen und zog nach L. A., um in Pianobars zu spielen, bis seine Anwälte einen Deal ausgehandelt hatten, mit dem sein Vertrag an Columbia Records überging, wo drei Jahre später sein Durchbruch als Rockstar stattfand.
Knebelverträge wie in der Musikindustrie gibt es in der Belletristik nicht. Das letzte Wort liegt hier tatsächlich (er muss es nur einfordern wollen) beim Autor. Und Suhrkamp ist keineswegs ein drittklassiger Verlag. Im Fall von Katharina Hackers Roman Alix, Anton und die andern hat er sich allerdings nicht anders verhalten als die unseligen Family Productions, nämlich das Werk falsch gemastert und dann für gut befunden, dass es so auch erschien.
Breite Spalten, schmale Spalten
Gegen die Absicht der Autorin, wie Hacker in Interviews und einer Presseerklärung auf ihrer Website betont, wurde ein avantgardistisches Erzählexperiment, zwei Spalten, die parallel zwei gleichwertige Erzählstränge verfolgen, im Layout so verändert, dass die eine Spalte breiter und mit größerer Schrift quasi als Haupttext erscheinen musste, während die zweite (schmaler, mit kleinerer Type) als Nebentext daherkam. Hacker wollte zwei identische Spalten. Ihrer Layoutvorstellung nach hätte der Roman dann 200 Seiten gehabt. In der vorliegenden Ausgabe ist er schon nach 120 Seiten zu Ende.
Alix, Anton und die andern kreist um eine Gruppe von Menschen in Berlin, einerseits der bürgerliche Freundeskreis um Alix in Schöneberg, die mit dem Psychiater Jan verheiratet ist und als selbstständige Grafikerin arbeitet. Alix kann buchstäblich durch Wände hören, eine Superhelden-Fähigkeit, die sie nicht zur Verbrechensbekämpfung einsetzt und die vor allem von ihrem Mann als irritierende Behinderung gesehen wird. Zu den Freunden des Paars gehören der alleinstehende Arzt Anton und Bernd, der schwule Buchhändler. Schon seit 19 Jahren gehen die vier Mittvierziger jeden Sonntag zu Alix’ Eltern Clara und Heinrich in Zehlendorf zum Essen.
In Zehlendorf liegt auch das Restaurant, das die gebürtige Vietnamesin Mai Linh zusammen mit ihrem Bruder Wang betreibt. Die Familie kam einst als Bootsflüchtlinge nach Deutschland, es gibt einen jüngeren Bruder, Georg, ein Hallodri, der sich bislang erfolgreich geweigert hat, in den Restaurantbetrieb seiner Geschwister einzusteigen. Mai Linh ist Mitte 50, Mutter einer Tochter, die gestorben ist, und einsam, wie überhaupt Einsamkeit eine Rolle spielt in diesem Roman – Einsamkeit und Resignation. Mit dem Älterwerden wird der Neuanfang (nicht nur, was Beziehungen angeht) nicht leichter. Eines Sonntags trifft sich der Kreis um Alix dann statt bei den Eltern in Mai Linhs Restaurant. Und als hätte es nur den winzigen Schritt abseits der gewohnten Pfade gebraucht, geraten die Dinge mit einem Mal in Bewegung.
Fortsetzung folgt: beim Fischer Verlag
Viel wird in diesem Buch offen gelassen, das weniger eine abgeschlossene Geschichte erzählt als ihren Auftakt: Hacker plant mit diesem Personal einen ganzen Erzählzyklus. Immerhin begegnet Anton in seinem Anfang der Frau, nach der er sich seit langem sehnt, Heinrich fängt an, sich für Mai Linh zu interessieren, und Alix, die Lebensuntüchtige, unternimmt ganz alleine eine Reise. Die Fortsetzung wird für das nächste Buch (beim Fischer Verlag) angekündigt. Der Roman ist zu Ende, bevor er richtig angefangen hat. Das kann einem schon wie ein bisschen wenig vorkommen.
Dabei ist es gerade das Erzählen in der Zweispaltigkeit, das dieses Wenige aufwertet; das Leserhirn, gezwungen zwischen Erzählsträngen hin und her zu wechseln, wird in die Erarbeitung der Geschichte einbezogen, als Mitautor, gewissermaßen – und damit im günstigen Fall auch als Sympathisant des Unternehmens. In der Hacker eigenen Art verschraubt sich die Erzählung in der rechten wie in der linken Spalte in die detailgenaue Darstellung von eher beiläufigen Schicksalen, der unruhige Leserblick fügt dem dann eine unerwartete Vitalität hinzu: Er selbst arbeitet gegen die Lebensträgheit der Figuren an. Ein interessantes Verfahren! Ist es das, was die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2006 mit ihrem Experiment erreichen wollte?
Nehmt den Pfusch und lest ihn
Man kann Katharina Hacker als Opfer einer gleichgültigen Verlagskultur sehen (sie selbst stellt sich so hin). Oder auch als geschickte Selbstvermarkterin, die mit ihrer öffentlichen Abwendung vom Suhrkamp Verlag eine mediale Aufmerksamkeit gefunden hat, die dieser Hauch von einem Roman sonst vielleicht nicht erhalten hätte.
Tatsache ist aber, dass sie am Ende bereit war, den Pfusch des Verlags an ihre Leser weiterzureichen. Als beschädigte Ware, gewissermaßen. Das sei nicht ihr Buch, verkündet Hacker zu dem Roman, der ihren Namen auf dem Titel trägt, zumindest nicht so, wie sie es haben wollte.
Und was soll der Leser nun davon halten? Die Kritik zumindest ist sich überwiegend einig, dass die Zweispaltigkeit überflüssig, unsinnig und einem konventionellen Erzählen nicht vorzuziehen ist. Als spielte Layout in einem solchen Fall nicht die ausschlaggebende Rolle! Man hätte der Autorin mehr Kampfgeist gewünscht – juristisch und literarisch.
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