Ariadnefaden gefunden - oder bloß selbst geknüpft?
Der mit drastischer Deutlichkeit assoziierte Verweis auf den exzentrischen, spielerischen, „verrückten“ Maler macht dessen Ästhetik zum Sinn- & Vorbild dessen, worauf Bolano mit seinem ebenso ambitionierten wie begriffs- & sinnfeindlichen literarischen Weltbild in allen seinen wahnwitzigen, irritierenden, ausschweifenden erzählerischen „Niederauffahrten“ (Giorgio Manganelli) abzielt.
Mehr noch: Dieses fünfteilige Spiegelkabinett von Erzähl-Bildern flüchtiger sexueller Lust und permanenter Exekution des Schreckens, des Wahns, des Sadismus und des Mordens gleicht einem episch ausgeuferten Siebten „Gesang des Maldoror“, in dem – wie ein Essayist im „Haus aller verschwundenen Schriftsteller Europas“ dem Besucher Archimboldi im Roman erklärt – „alle Eloquenz des Schmerzes ist“.
Bolanos „Buch seiner Bücher“ ist ein ebenso trauriger wie gelegentlich sogar höhnischer Abgesang auf die Weltdeutungsmacht der über alles geliebten Literatur, die in den Augen eines Verzweifelten, der seinen Tod erwartet, nichts anderes ist als „eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar“ – wie Faulkner einst in seinem gleichnamigen Roman The Sound and the Fury William Shakespeares „Macbeth“ zitierte.
Mehrfach wird an verschiedenen Stellen von 2666 gegen die Wirklichkeit – sie „ist wie ein bekiffter Zuhälter in einer Gewitternacht“ oder „eine aidsversuchte läufige Hure“ – und gegen die Geschichte, „diese mausgraue Hure“, als tröstende Hoffnung die Schopenhauer’sche Erlösungsidee ins Spiel gebracht: „die Möglichkeit, dass alles nur ein Trugbild sein könnte“ – eine „Besatzungsmacht, die noch die äußersten und entlegensten Bereiche der Wirklichkeit kontrollierte“. Wahrscheinlicher aber ist auch oder gerade die Literatur nur ein verzweifeltes Trug-, als künstlerisches Vexierbild der Wirklichkeit, hilf- & hoffnungslos.
Und der „Nachruhm“, auf den einer wie der gegen seinen absehbaren Tod anschreibende Roberto Bolano mit seinem Opus Magnum hoffte? „Der Nachruhm ist ein Vaudeville-Witz“, wie Archimboldi auf der letzten Seite von 2666 erfährt. Nichts ist in der Erinnerung der Nachwelt von dem großen deutschen Botaniker, Landschaftsarchitekten und aufklärerischen Schriftsteller Fürst Pückler-Muskau geblieben, als das „äußerst rätselhafte Vermächtnis“ eines „Fürst-Pückler-Eises“, das Archimboldi in Hamburgs Planten un Blomen verzehrt hat, bevor er am nächsten Morgen abflog: nach Mexiko. (Denn der dort inhaftierte Klaus Haas ist sein Sohn!)
Und den Leser, der ein ebenso rätselhaftes wie faszinierendes eintausendundfünfundachtzigseitiges Leseabenteuer hinter sich hat, wieder allein zurücklässt: nicht erschöpft, nein; aber einem Labyrinth entronnen, von dem er im Nachhinein immer noch nicht, jetzt erst recht nicht weiß, welchem Bann er erlegen und welchem Sog er gefolgt war und ob der Ariadnefaden seines Lektüre-Erlebnisses von Roberto Bolano ausgelegt oder ob er ihn sich nicht bloß selbst – fadenscheinig – geknüpft hatte.