Dekonstruktion von Mythen
Der Leser aber merkt schneller als sein Schatten, dass die hier versammelten Gedichte auf Hochtouren an der Auseinandernahme derartiger Mythen arbeiten und diese vom Pferd stoßen. Der Cowboy und die mit ihm verknüpfte Umgebung stehen paradigmatisch für den Mythos schlechthin; Cowboy und Cowboysein sind zur Metonymie geworden, nicht zuletzt auch durch das Kino, dessen Sprache in einigen Gedichten eine herausragende Stellung bekommt. Die fantastische Maysche Wildwestwelt der Kindheit wird freilich nicht fortgesetzt und affirmiert, und es bleibt nur der lesende Blick hinter die Kulissen:
lieber pierre brice,
je vous aime
brice!
üschi gas
champagne
heißt es etwa, oder in „Old Shatterhands Kanu wird sein wie der Mund eines alten Weibes“:
[...] Adorf lässt sich im Off
Brillantine ins Haar schmieren, Kinski probiert die Pelzkappe,
[...] Hier verstand ich,
dass Dramaturgie und Budget genau dieses Ende verlangten.
Dem Cowboysein wohnt immer ein tragisches Moment, ein Scheitern inne, was bereits der Italowestern zeigte, aber auch neuere Cowboyfilme wie Brokeback Mountain oder No Country for old Men, auf den sich ein Text bezieht.
Das Cowboyleben – wobei der Begriff hier über die Geschlechtergrenzen hinweg zu denken ist – ist ein einziges langsames Vernarben, stetes Provisorium und Improvisieren zwischen der Einsamkeit und dem Anspruch der Klischees, die an Cowmenschen herangetragen werden. Trostlosigkeit, Krankheiten (und seien es die der Tiere), Aphasien, Verschleppungen. Vor allem auch das sprachliche Sein steht an vielen Stellen auf der Kippe, sucht sich, verheddert sich aber im Lasso des eigenen Sprechens oder der Sprache der Alltagsumgebung:
wir blattrippen filtern auktionen bei jeder santa fe,
rauchern zurück zu aromen perique.
befreit werden liefern die gleiche, denn
feuchthaltemittel beuteln philosophie
Das Cowboygedicht als Ort kartografiert in vielen Fällen mit sprachlicher Fülle das Gegenteil eines „Land Of Plenty“ – so der Titel eines Gedichts –, nämlich (geschichtliche) Brüchigkeit (u.a. West/Ost, aber auch Altertum und Mittelalter werden textuell und thematisch zitiert und neu generiert), schütter und mürbe: „Land alles überrollt alt und leer.“