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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 23:15

Dimitri Verhulst: Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten. Eine Beschwerde.

01.03.2010

Gottverdammtes Allzumenschliches

Was bekommt man, wenn Dimitri Verhulst die Evolutions- und Menschheitsgeschichte nachzeichnet? Eine grandiose Tour de force, deren Tempo den Leser bis zum Schluss in den Sessel gedrückt hält. CHRISTIAN NEUBERT empfiehlt, sich anzuschnallen.

 

Verhulsts Sprache ist ein Vehikel ohne Bremse und einem Kippschalter als Gaspedal – wer einsteigt, dem sollte klar sein, dass es keinen Halt und schon gar kein Zurück gibt. Seine Beschleunigung von 0 auf 100 spottet jedem Sportwagen – wenn der ausdrucksstarke Bolide bereits nach wenigen Sätzen die Schallmauer durchbrochen hat, kann man als Leser den Knall gar nicht mehr wahrnehmen, da dieser im Moment seiner Lautwerdung bereits außer Hörweite ist. Und bei all dem sieht er auch noch blendend aus.

 

Schnall´ dich an!

Wenn man in diesem Vehikel Platz nimmt, wird man für einen kurzen Moment staunen, wie zweckmäßig und bequem es für den Leser eingerichtet ist. Doch die Fahrt geht sofort los – in einem Höllentempo jagt es ihm hinterher. Ihm? Naja, dem eben. Dem etwas. Man verfolgt es auf Schritt und Tritt. Und trotz der rasanten Geschwindigkeit staunt man immer wieder über den eindrucksvollen Ausblick auf die Bilder, die während der Fahrt an einem vorüberziehen – und irgendwie bleiben.

 

Was ist es, dem man in Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten pausenlos hinterher spurtet? Ein anmaßendes Geschöpf, dem der gewaltige Ozean zu klein geworden ist. Ein Scheusal, das keine Rücksicht kennt und nur von dem angetrieben wird, was vor ihm liegt – obwohl  es dessen Weite nicht erfassen kann. Eine Bestie, die sich überlegen fühlt und konsequenterweise – wohin denn sonst damit? Und warum denn nicht? – seine Überlegenheit ausspielt. Ein Wesen, das Unbehagen auslöst und neugierig macht – und einen an sich selbst erinnern lässt. Warum? Es ist wie du!

 

Es ist ein Wunder - und eine Schande

Es ist das Alphamännchen und sein Gefolgsmann, der Jäger und der Bezwinger des Feuers. Es pinselt Blut und Dreck an die Höhlenwand und verdient sich die Gunst der Weibchen mit eigenhändig erlegtem Beutegut. Es ist Feldherr und Schamane, Imperator und Hohepriester. Es scheint stets seiner Zeit voraus zu sein, auch wenn es sich hin und wieder als Nostalgiker entpuppt – vermisst es die gute alte Zeit, in der es noch auf der Jagd war, baut es Arenen, um seinen Blutdurst mit Adrenalin zu stillen. Es erfindet sich Götter und ernennt sich zum Gottkaiser. Wenn es mal vom Weg Richtung Abgrund abzukommen droht, dann braucht es keine Angst zu haben, denn unter seinesgleichen findet sich immer irgendwer, der genau weiß, wo´s langgeht. Es will, bei aller Bescheidenheit, nichts anderes als du – es will alles. Am besten gleich. Und für immer.

 

Verhulst erzählt ohne Umschweife und kommt schnell zur Sache. Sein wortgewordener Rennwagen kommt ohne Kapitel aus, er gönnt sich nur Absätze, um während der rasanten Rallye durch Raum und Zeit immer wieder auf den aktuellen Kilometerstand – pardon, die Uhr – zu schielen. Ganze Äonen werden in einigen Sätzen abgehandelt und scheinen dennoch vollständig erfasst worden zu sein. So kommen einem gottverdammte Jahrmillionen eben wie gottverdammte Tage vor. „Tausend Jahre sind ein Tag“, singt Udo Jürgens im Titelsong der Zeichentrickserie Es war einmal… der Mensch. Und Verhulst zerstreut mit seinem Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte diesbezüglich jeden Zweifel.

 

Wann nimmt es endlich ein Ende?

Während eine Kinderbuchreihe Was ist was fragt und ein Herr Grönemeyer nöhlt, dass der Mensch Mensch heißt, verzichtet Verhulst auf Definitionen und Folgerungen und knallt einem stattdessen mit Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten gleich seine berechtigte Beschwerde um Augen und Ohren, und zwar so, dass einem Hören und Sehen vergehen möchte. Denn ohne diese Sinnesorgane könnte man sich immer noch mit einer Notlüge herausreden und behaupten, man hätte von nichts gewusst. Und überhaupt sei man ja auch nur ein Mensch ...

 

Raus aus dem Wasser, rein ins Verderben – die Dialektik der Menschwerdung. Um die Menschheitsgeschichte in ihrer Gesamtheit richtig und umfassend umreißen zu können, trieft Verhulsts Abrechnung mit der Krone der Schöpfung unvermeidlicherweise vor Blut und Exkrementen. Die Wahrheit tut eben weh. Manch einen wird das sicher abstoßen. Trotzdem sei, bevor wir uns endgültig alle gegenseitig zum Teufel gejagt haben, Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten noch jedem dringend zur Lektüre empfohlen.

 

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