Hans Ulrich Gumbrecht: California Graffiti
28.06.2010
Mark Twain auf Europareise, bloß umgekehrt
Der in Würzburg geborene Stanford-Professor schreibt in seiner Kolumnensammlung über Tupperware und fette Touristen – und hätte Heidegger vielleicht lieber mal weglassen sollen, meint LORENZ HEINZMANN.
Hans Ulrich Gumbrecht kann man ja alles fragen. Und was noch schön ist: Wenn der Literaturprofessor irgendwo in der Welt auftaucht und einen Vortrag hält, in denen nicht selten Jahrhundert-Prophezeihungen gefragt sind („Wird das 21. Jahrhundert ein aristotelisches sein?“) ist das immer eine Sternstunde des akademischen Einführungsgenres.
Institutsdirektoren jeglicher Provenienz rattern blässlich das Erfolgsstakkato des Romanisten runter, „den man nun wirklich niemandem mehr vorstellen muss“ und es im Dienste des Rituals trotzdem tut: Stipendiat des Maximilianeum, studiert in München, Salamanca und wonichtalles, ordentlicher Professor mit 26, – nein, nicht Juniorprofessor, richtiger Vollprofessor, mit 26 (26!) – zahllose Bücher, doppelt so viele Preise, Gastprofessuren und Ehrendoktorwürden an, ach, etlichen Universitäten, Professor für Komparatistik in Stanford. Dann huschen sie geduckt in die erste Reihe, Professor Gumbrecht, bitte sehr, sprechen Sie zu uns. Man kann sich nicht wehren, aber im Subtext leiert immer dieser „Wir sind unwürdig, wir sind unwürdig“-Singsang mit, den Mike Myers 1992 in der homophilen Camp-Klamotte Wayne's World dankenswerterweise kanonisiert hat.
Grillfeste. Tupperware. Trailerparks
In diesem Frühjahr nun ist Gumbrechts Essaysammlung California Graffiti bei Hanser erschienen, und wenn man es nicht besser wüsste, würde man wahrscheinlich schreiben, es seien Texte „mit einem Augenzwinkern“. Denn worüber schreibt er, der Husserl und Heidegger wahrscheinlich besser verstanden hat als sie sich selbst? Football. Harvey Milk. Das versteinerte Hippie-Disneyland in Berkeley. Grillfeste. Tupperware. Trailerparks. Solche Sachen. Und dann der Ansatz: Gumbrecht, der brillante Literatur-und Wissenschaftshistoriker, der in seinen Vorlesungen in bester Harold-Bloom-Manier selten einen geringeren Horizont als den des Abendlandes in seiner Ganzheit gelten lässt, schreibt über hyperrealistische Plätze, die ihn als Professor betreffen, der für heute Feierabend gemacht hat. Wirre Real-Komödien, über die er sich selbst totgelacht hat. Mark Twain auf Europareise, bloß genau andersrum.
Professor Gumbrecht, die selbsternannte „Metonomie für Alteuropäisches“, als Gonzo-Journalist. Nichts hätte er weniger nötig. Alles nicht ganz leicht zu begreifen, Anachronismen wohin man schaut: Sooft es geht betont der Kosmopolit, der seit 20 Jahren US-amerikanischer Staatsbürger ist, seine patriotische Ergriffenheit, die ihn in ihrer zärtlichen Gewalt hat, wenn er am Freitagabend vor einem Highschool-Footballspiel die amerikanische Nationalhymne hört. Und zwischendrin gibt es immer wieder solche bewegenden Ganz-Große-Oper-Formulierungen wie etwa „Geschichtlichkeit als melancholische Selbstzuwendung“, mit der er den zivilisatorischen Vorsprung Europas vor Kalifornien in einem Nebensatz skizziert.
Diagnosen all überall. Die Seele der Menschen äußert sich in ihren banalsten Stätten und die gilt es, als sakral zu entlarven. Das kann der Autor und doch hält seine Analysewut die Dinge auf Distanz. Vom Dasein begeistert klingt er immer nur da, wo es um Amerika und Kalifornien geht, denn das ist alles, was Franken, dieses Deutschland in der Nussschale, niemals mehr sein wird: Niemand war schon immer da, nichts wurde dort schon immer so gemacht. Die wichtigsten Ideologien sind die Vielfalt und die Vernunft. Wenn sich der Professor, wie sich der Erzähler bevorzugt nennt, gerade dadurch im Zentrum des Bundesstaates und in den Herzen seiner Bewohner wähnt, weil er genauso verschieden ist wie sie, zittern ihm vor Rührung die Fingerspitzen. Und treffen dabei – das passiert leicht, wenn man so viel schreibt wie Hans Ulrich Gumbrecht – meistens eine Tastatur: „Was war unwiderstehlich? Soweit ich verstehen kann, gab es keine, guten Gründe. für meine Reaktion – aber gerade keine Gründe zu haben, macht ja Unwiderstehlichkeit aus.“
Rationale Gewalt gegen den Text
Keine Gründe! Das ist ketzerisch, frevelhaft, das ist blasphemischer Rationalismus und natürlich: sinnlich. Und genau hierin liegt das große Projekt dieses Buches, das sich schon in Gumbrechts Lob des Sports angedeutet hat, einem Suhrkamp-Band, in dem „der Professor“ den ästhetischen und kathartischen Wert des Sports am Beispiel American Football diskutiert hat. Schon in diesem Band schwang mit, dass dem Weltberühmten die Regeln der Wissenschaftslogik schwer wie Ketten am Fußgelenk zu hängen beginnen. Die Kunst sei der Wissenschaft als Weltspiegel deshalb überlegen, weil sie Mittel habe, die Unendlichkeit darzustellen, hat Andrej Tarkovskij geschrieben. Das mag einer der Gründe sein, warum Gumbrecht seit einiger Zeit in seinen Texten scheu nach der Kunst zu greifen beginnt.
Es mag ihm reizvoll vorkommen, dass er auf diesem Gebiet noch Schüler ist; dem Buch tut es jedoch nicht gut. Zu häufig schimmert der fränkische Gymnasiast durch die Zeilen, wenn sich gerade so etwas wie Anmut erhebt. Beleuchten und analysieren können auf diesem Planeten nur wenige wie Gumbrecht, doch in diesem Fall unterläuft es ihm gegen den Willen des Textes. Und diese rationale Gewalt fügt dem Text dort Unebenheiten zu, wo er seidenweich und spiegelglatt sein sollte. Ganz kleine Momente sind das. Aber da muss man Heidegger auch mal weglassen können.
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