Marie-Aude Murail: Über kurz oder lang
15.04.2010
Ein besonderer Mikrokosmos
Schulpraktika sollen auf das Leben vorbereiten. In diesem Fall gelingt das besser als es manchem lieb ist, denn der 14-jährige Louis entdeckt während des Praktikums, was er wirklich vom Leben will. Von ANDREA WANNER
Die Probleme beginnen bereits damit, dass Louis keine Ahnung hat, wo er dieses einwöchige Praktikum absolvieren soll. Das entscheidende Gespräch findet beim Mittagessen statt und die Reaktion von Louis‘ Vater, einem Chirurgen, spricht Bände: „Geh zu den Straßenkehrern, da werden sie dich nehmen. Nein, nicht Straßenkehrer, heute heißt das ja bestimmt Pfleger des öffentlichen Raumes.“ Die Fronten sind klar: ein enttäuschter Vater traut seinem Sohn, der Probleme in der Schule hat, nichts zu. Und der 14-jährige weiß nicht, was er eine Woche lang tun könnte.
Klischees ohne Ende
Die Großmutter, selbst gelernte Bäckerin, was sie in den Augen ihres Schwiegersohnes nur bedingt salonfähig macht, hat eine Idee: ein Praktikum bei ihrem Friseur. Indiskutabel in den Augen von Monsieur Feyrières. Auch nicht schlechter als irgendetwas anderes nach Meinung von Louis. Tatsächlich klappt es. Louis darf eine Woche lang im Salon Marielou das Friseurhandwerk kennen – und lieben - lernen. Denn zu seiner eigenen Überraschung entwickelt er eine ungeahnte Leidenschaft für diesen Beruf, zeigt, dass er durchaus Talent hat und kommt endlich dem auf die Spur, was er sich für sein weiteres Leben wünscht.
Bis es allerdings so weit ist, führt Marie-Aude Murail ihren zögerlichen Helden samt den Lesern in eine Welt, die wie eine Karikatur wirkt. Madame Marie-Lou, eine kräftige, stark geschminkte Dame, thront als Chefin hinter der Kasse und plaudert vertrauensvoll über intime Dinge mit den Kundinnen und Kunden. Der einzige männliche Friseur in dem Laden wird Fifi genannt, trägt sehr enge schwarze Hosen und ein leicht gebauschtes weißes Hemd und ist natürlich schwul. Garance ist Lehrling, nur aufgrund schlechter Noten in diesem Beruf gelandet und eigentlich würde sie lieber Kosmetikerin werden. Und die schöne Clara steckt in einer Beziehungskrise, weil ihr Freund sie als Prostituierte für sich arbeiten lassen möchte. Die Leute, die zum Waschen, Schneiden und Tönen, zur Dauerwelle und zum Rasieren kommen, sind eigenwillige Figuren mit Schicksalen, die in wenigen Sätzen angedeutet werden. Kein Vorurteil, das es hinsichtlich von Friseuren und Frisiersalons gibt, das Murail auslässt. Genau damit gelingt ihr ein wirkliches Kunststück, denn Louis beginnt, die Menschen wirklich wahrzunehmen. Er lässt sich auf sie ein, nimmt sie und ihre Probleme ernst und entdeckt dabei Erstaunliches.
Schöne, neue Welt
Kann es sein, dass dieses Schubladendenken einem den wahren Blick auf die Welt verstellt? Das Friseur-Praktikum bringt Werte ins Wanken, rüttelt an dem Weltbild der Familie Feyrières und lässt das, was sich Monsieur Feyrières als intakte Familie vorgegaukelt hat, einstürzen. Seine Frau fällt ihm in den Rücken, sein Sohn hintergeht ihn. Wo ist seine heile Welt geblieben? Während die Lehrer und Louis Schulleiter längst erkannt haben, wo die Zukunft des Jungen liegt, bleibt der Vater stur. Dann kommt es zu einer Konfrontation zwischen Vater und Sohn. Was zu einer Aussprache hätte werden sollen, gipfelt in dem vernichtenden Urteil, das der Sohn über den Vater fällt: „Du bist so ein Arschloch.“
Erzählt wird das alles mit einem scharfen Blick für Details, mit viel Sympathie für die Figuren, gerade auch für die, die nicht das ganz große Los gezogen haben und mit einer großen Portion Witz und Optimismus. Ein Entwicklungsroman ausgerechnet in einem Friseursalon? Es funktioniert.
Murail gönnt uns dann doch noch ein Happy End und Blick auf Louis weiteres Leben und im Zeitraffer. Mehr als 10 Jahre später sehen wir alle wieder, die damals den Salon Marie-Lou bevölkerten, als Louis sein denkwürdiges Praktikum begann. Und wir können zufrieden sein, was aus ihm und seinem Leben geworden ist.
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