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Michael Sontheimer: Eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion
31.05.2010
VerSPIEGELter Blick
Quellen- und Faktenanalyse zum Nachhören: Im Hörbuch "Natürlich kann geschossen werden" lässt Michael Sontheimer in prägnanter Form die kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion erzählen. Den selbst erhobenen Anspruch, neue Erkenntnisse mit der Beantwortung alter Fragen zu verbinden, kann er dabei nicht einlösen. Von JÖRG AUBERG
Längst hat das Emblem des Schreckens seinen Schrecken verloren und ist von der Kulturindustrie kooptiert worden. Das Signet der RAF – ein Pentagramm hinter dem Maschinengewehr MP5 der Firma Heckler & Koch mit dem Schriftzug RAF der Schriftart Compacta Outline – hat die Zeichenwelt des Terrors verlassen und ist als aus der Geschichte gesprengtes Logo in die Unterhaltungszone des Trickfilms eingewandert. In dem 2010 mit dem Oscar prämierten französischen Animationsfilm Logorama ist der flüchtige Gewaltverbrecher Ronald McDonald mit einer mit einem plagiierten, simplifizierten RAF-Logo verzierten Maschinenpistole unterwegs, nimmt Geiseln und liefert sich – getreu den kulturindustriellen Klischees – mit seinen uniformierten Gegenspielern in der ausschließlich mit Logos bestückten Ausstellungswelt des Kapitalismus eine Schießerei und Verfolgungsjagd.
Eine kurze prägnante Geschichte der RAF
Auch das Cover des Hörbuches "Natürlich kann geschossen werden": Eine kurze Geschichte der RAF, das auf dem gleichnamigen Buch des Mitbegründers und ehemaligen Chefredakteurs der taz Michael Sontheimer beruht, ziert das rote Logo der Terrororganisation, doch ist der heutige SPIEGEL-Autor bemüht, der zunehmenden Dekontextualisierung der RAF als Pop-Phänomen entgegenzuwirken und sie in den historischen Rahmen einzuordnen, ohne sie weder zu dämonisieren – wie es zuletzt ex-linke Konvertiten mit dostojewskihafter Metaphorik versuchten – noch als Avantgarde der Emanzipation zu glorifizieren.
Im Gegensatz zu den Büchern von Stefan Aust, Butz Peters und Willi Winkler will Sontheimer eine Einführung und Zusammenfassung vorlegen, die sich an Experten wie an Neulinge des Themas richtet. So gibt er prägnant einen Überblick zur Geschichte der RAF von den Anfängen zu Beginn der 1970er Jahre, als nahezu alle Mitglieder der ersten Generation der Terrorgruppe nach einer gescheiterten „Offensive“ inhaftiert oder erschossen wurden, über die bleiernen Jahre 1975 bis 1977, als mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer und der Passagiermaschine die Befreiung der einsitzenden RAF-Führungskader scheiterte bis zu den desperaten Terrorakten in den 1980er Jahren und der Auflösung der Terrororganisation im Jahre 1998.
Entschlüsselt Sontheimer den RAF-Code?
Der Vorteil des Buches liegt darin, dass Sontheimer die Geschichte auf das Wesentliche rafft und nicht der Anspruch hat, die Geschehnisse im Detail nacherzählen zu wollen. So bietet er einen knappen Überblick über die historischen Ereignisse, welche die Prozesse von Gewalt und Gegengewalt schufen und potenzierten, als auch über die Literatur, wobei er nicht allein die üblichen „Rafologen“ verarbeitet, sondern auch die fragwürdige Kampagne „Freiheit durch Aufklärung“ der Journalistin Carolin Emcke. Während sich Sontheimer rühmt, mittels der Interviews, die er mit ehemaligen RAF-Mitgliedern führte, den „RAF-Code“ entschlüsselt und die Decknamen der Täter im Vorfeld der Schleyer-Entführung dechiffriert zu haben – was als Vorabdruck marktschreierisch in der taz vom 10. April 2010 publiziert wurde –, ist das Manko des Buches die allzu glatte Erzählstruktur, die sich in der Hörbuchfassung noch durch den geschliffenen Vortrag des Sprechers Bernt Hahn, der vor allem für seine monumentale Lesung von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit bekannt ist, verstärkt.
Geschichte wird so in einem Duktus des „Es war so!“ präsentiert, ohne Brüche und Unterströmungen sichtbar zu machen. So kommen sowohl ältere Untersuchungen des „Komplexes“ RAF als auch jüngere Studien wie Hans Kundnanis Utopia or Auschwitz (2009), in der er antisemitische Strömungen in der westdeutschen Linken seit den 1960er Jahren beleuchtet, nicht zum Ausdruck. Daher kann das Buch an keiner Stelle den Anspruch einlösen, neue Erkenntnisse mit der Beantwortung alter Fragen zu verknüpfen – wie Sontheimer in seinem Vorwort postuliert. Gerade an diesem Punkt scheitert es kläglich.
Geschichte der RAF gefiltert durch SPIEGEL-Linsen
„Die meisten Bücher über die RAF“, schreibt Sontheimer, „kranken an der Einseitigkeit ihrer Quellen: Ihre Autoren stützen sich fast ausschließlich auf Dokumente von Polizei und Justiz, die naturgemäß parteiisch und oft fehlerhaft sind.“ Sontheimers Buch krankt freilich daran, dass es Geschichte durch die Augen des SPIEGEL präsentiert, als wäre das Archiv des Nachrichtenmagazins der unbestreitbare Hort historischer Wahrheit. Schon der Titel „Natürlich kann geschossen werden“ geht auf ein von Ulrike Meinhof besprochenes Tonband nach der Befreiung von Andreas Baader zurück, das dem SPIEGEL im Juni 1970 zugespielt wurde:
„[...] wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“
Die Quellen- und Faktenüberprüfung endet an den Grenzen der SPIEGEL-Dokumentationsabteilung. So wird das Versagen der bürgerlichen Medien im Rahmen des Ausnahmezustandes im Jahre 1977 mit dem massiven Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte nicht thematisiert, was bei einem Mitbegründer der taz, die eben als Organ der „Gegeninformation“ ins Leben gerufen wurde, etwas seltsam anmutet. Offenbar gilt die alte Wahrheit: Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing'.
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