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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:04

Jürgen Domian: Der Gedankenleser. Gelesen vom Autor.

28.06.2010

Die Gedanken sind frei

Jürgen Domians Call-In-Show hält wochentags eine treue Fangemeinde, zu der sich auch CHRISTIAN NEUBERT zählt, wach bzw. lässt diese gut einschlafen. Nun liegt die Hörbuchfassung seines zweiten Romans vor.

 

Jürgen Domian, Träger des Bundesverdienstkreuzes und lange schon eine feste Institution des deutschen Nachtlebens: Seit 15 Jahren ist seine bimedial beim WDR und bei Radio Eins Live ausgestrahlte Telefon-Talkshow mittlerweile on air. Dabei ist er den Mitteilungsbedürftigen und Schlaflosen der Nation vor allem eines: ein guter Zuhörer. Nun hat er mit Der Gedankenleser seinen zweiten Roman nebst persönlich vorgetragener Hörbuchfassung vorgelegt – kein Wunder, möchte man meinen, schließlich muss sich jemand, der sich allabendlich die bizarrsten und abgründigsten Geschichten anhört, wohl zwangsläufig die aufgesaugten Abstrusitäten von der Seele schreiben.

 

Wer Domians Autorentum als notwendigen Akt der Reinwaschung abtun möchte, wird seinem zweiten Ausflug ins Literarische allerdings nicht gerecht. Der Moderator erweist sich durchaus als ambitionierter Autor, der in seinem Werk nicht lediglich ein Best-Of aus 15 Jahren Telefon-Talk wiederkäut.

 

Aus heiterem bis wolkigem Himmel

Arne Stahl ist Ende 40 und es fehlt ihm an nichts. Er führt eine glückliche Ehe mit seiner Frau Anna und hat Erfolg in seinem Beruf als Journalist. Aber eines Tages wird er bei einem Spaziergang vom Blitz getroffen. Er überlebt diesen Unfall fast vollkommen unversehrt – doch als er im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kommt, stellt er schnell fest, dass der Blitzschlag ihn zum Gedankenleser gemacht hat: Er besitzt plötzlich die Gabe, die Gedanken seiner Mitmenschen hören zu können, wenn diese nur nah genug an ihm dran sind.

 

Was sich nach wünschenswertem Segen anhört, entpuppt sich jedoch sehr bald als Fluch – schnell muss Arne erkennen, wie verlogen und niederträchtig die Menschen fast ausnahmslos sind. Angefangen bei seiner Ehefrau, die ihn nie wirklich geliebt hat und schon lange als abstoßend empfindet, entpuppen sich auch seine Arbeitskollegen als intrigante und selbstsüchtige Heuchler. Als Konsequenz auf diese Erkenntnisse lässt Arne sich scheiden und kündigt seine Arbeitsstelle. Durch den Verkauf seines Hauses finanziell abgesichert lässt er sich eine Weile treiben – und entschließt sich irgendwann für die Einsamkeit. Abgestoßen von den niederen Motiven der Menschen, denen er begegnet, sucht Der Gedankenleser das Weite – und findet diese in der Abgeschiedenheit Nordfinnlands.

 

Die Möglichkeit einer Insel

In der menschenleeren Weite des Lapplands bleibt Arne vor den Heimsuchungen seines Fluchs verschont – er findet seine abgeschiedene und daher sichere Insel inmitten der stürmischen See bösartiger Artgenossen. Doch diese hält, wie sollte es auch anders sein, dem selbstgewählten Robinson seinen Freitag – in der Gestalt eines österreichischen Touristen – nicht vor. Arne wird erneut von seinem Fluch heimgesucht und muss feststellen, dass seine Flucht ins Exil auch die nach vorn verlangt, bevor er Erlösung finden kann.

 

Alles in Allem ist Der Gedankenleser so, wie sich sein Autor in seiner Call-In-Show präsentiert: ganz nett. Mehr aber leider auch nicht. Die Geschichte langweilig zu nennen wäre zwar falsch, fesseln kann sie einen allerdings auch nicht. Dafür plätschert sie einfach zu seicht vor sich hin. Dies ist zum Teil Domians Prosa geschuldet, die ein wenig dokumentarisch rüberkommt und auf diese Weise ständig eine gewisse Distanz zum Leser bzw. Hörer aufrecht hält. So wie Arne seinen Mitmenschen nicht zu Nahe tritt, um zu vermeiden, dass er ihre Gedanken wahrnimmt, lässt auch der Text einen nicht wirklich an sich ran. Außerdem erscheint das Weltbild, das im Gedankenleser propagiert wird, ziemlich einseitig. Die Gedanken seiner Mitmenschen, mit denen Arne konfrontiert wird, zeigen ausschließlich Seelenwelten auf, die einzig und allein aus Egoismus und Leid zu bestehen scheinen. Die Bösen sind Arschlöcher, die Guten sind Opfer – wichtige Graustufen, die die Figuren etwas lebendiger machen würden, sind größtenteils geschwärzt oder geweißelt. Hier hat es sich Domian etwas zu einfach gemacht.

 

Treuen Fans von Domian wird man die Qualität seines zweiten Prosastücks trotzdem nur schwer ausreden können. Dafür sorgt allein schon seine wohlbekannte Stimme – wenn der gute Mann hin und wieder seine wohlverdienten Pausen antritt, kann man sich von der Hörbuchfassung des Gedankenlesers nämlich ebenfalls sehr gut in den Schlaf wiegen lassen.

 

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