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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:09

Tanneke Wigersma: Ole Habichtmann

15.07.2010

Ein Superheld steckt in jedem!

Ole ist ungefähr acht und will nicht in die Schule gehen. Rosa ist eine ältere Frau und will ihr Haus nicht verlassen. Kaninchen Hubert bringt die beiden zusammen, aber richtig helfen kann nur Habichtmann, der größte der Helden. Oder heißt der etwa Ole? Von MAGALI HEISSLER

 

Eine neue Wohnung, eine neue Umgebung, eine neue Schule. Ein neues Leben mit seinem Vater Mark, nein, Ole weigert sich entschieden, sich darauf einzulassen. Nicht einlassen möchte er sich auch auf die Erkenntnis, was für eine schreckliche Lücke es seit kurzem in seinem Leben gibt. Dabei sind alle Tricks erlaubt, der kleine Junge schreckt vor keiner Lüge und keiner Täuschung zurück. Trauer macht nicht nur traurig, sie kann auch böse machen, ungerecht und egoistisch.

 

Aber das Leben draußen vor den Fenstern der neuen Wohnung lockt. Als eines Tages unvermutet ein Kaninchen auf der Straße sitzt, wagt sich Ole doch hinaus. So lernt er die seltsame Frau von gegenüber kennen, Rosa, die sich weigert, auch nur die Nasenspitze zur Tür hinauszustrecken. Nicht einmal als Hubert, das Kaninchen krank wird, verläßt sie die Wohnung.

 

Ziemlich widerwillig nimmt Ole sich Huberts an und dann muss er natürlich auch Rosa beistehen. Es hilft, wenn er sich vorstellt, wie Superheld Habichtmann an seiner Stelle handeln würde.

Leicht wird es nicht, weder für Ole noch für Rosa noch für Oles Vater Mark. Aber Menschen sind keine Schnecken, sagt Rosa. Sie können sich nicht immer verkriechen, nur weil sie traurig sind. Sie können lernen, mit der Trauer zu leben. Und das tun sie. Am Ende kann Habichtmann getrost weiterfliegen.

 

Mit dem Verlust leben lernen

Wigersma führt ihre sehr jungen Leserinnen und Leser von den ersten Sätzen an das Problem von Ole heran, klärt sie zunächst aber keineswegs darüber auf. Es ist eine Geschichte, die zum Mitdenken auffordert, nicht nur zum Mitfühlen. Leserinnen und Leser sind an Oles Seite, sie sehen, was er sieht, bleiben aber in der Zuschauerrolle und warten die Entscheidungen des Protagonisten ab. Oles Entscheidungen sind nicht in jedem Fall vorhersehbar, er hat seinen eigenen Kopf. Er ist ein sympathisches Kind, aber in der Verteidigung dessen, was er als seine Interessen betrachtet, zeigt er sich skrupellos. Seine Einfälle, mit denen er sich vor dem Schulbesuch drückt, werden lustvoll und auch lustig vorgeführt. Zugleich vermittelt Wigersma unaufdringlich, aber deutlich, was daran falsch ist. Sie mutet ihrem jungen Publikum dabei zu, über Grauzonen nachzudenken und berührt zudem ansatzweise die Frage, ob aus schlechtem Handeln Gutes werden kann und umgekehrt.

 

Erst allmählich wird aufgedeckt, was genau hinter Oles Verhalten steckt. Dass sich Wigersma eben damit Zeit läßt, verhindert gleichfalls, dass man Ole vor lauter Mitgefühl nur positiv wahrnimmt.

Die parallel aufgebaute Geschichte der älteren Nachbarsfrau Rosa bringt beträchtliche Spannung in die Handlung. Ole ist nicht nur Helfer, er wird zum Detektiv! Dass er, um sich selbst immer wieder einen Schubs zum Handeln zu geben, auf einen Comic-Helden, den sagenhaften Habichtmann zurückgreift, ist ein origineller und überzeugend eingesetzter Kniff.

 

Interessant für die junge Zielgruppe ist es schließlich, vorgeführt zu bekommen, dass auch Erwachsene leiden und nicht stets und allein mit allem fertig werden. Sicherheit gibt schließlich die Erkenntnis, dass niemand allein ist und dass sich jeder auch um den anderen bemüht, weil man sich im Grund gern hat.

Die kleinen Zeichnungen von Marion Goedelt, in schlichtem Schwarz-weiß und Orange, auf denen immer wieder einmal eine der Figuren die Arme ausstreckt oder mit den Armen etwas umschlingt, Liebe suchend, Liebe spendend, unterstreichen dieses Motiv. Währenddessen hüpft, rennt, springt oder mümmelt Kaninchen Hubert munter neben den Kapitelüberschriften und Ole darf Gesichter schneiden.

Ein ernstes Problem für Kinder in eine Geschichte mit freundlichem Unterton verpackt, aber mit Haken versehen, die in Erinnerung bleiben.


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