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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:11

Ricardo Piglia: Kurzformen

26.07.2010

Geträumte Sprache

Oder: Die verborgene Geschichte ist die wahre

 

Der Traum dient nicht der Realitätsflucht, sondern als Zugang zur verborgenen, archaischen Seite der Wirklichkeit. Und die Literatur als Möglichkeit, diese geträumte Seite auszudrücken und mitzuteilen, als Suche nach den Grenzen des Sagbaren und als Versuch, diese Grenzen zu verschieben. Nicht umsonst nimmt Borges einen zentralen Platz in Piglias literarischem Universum ein. Von SIBYLLE LUITHLEN

 

Als angehender Schriftsteller wohnt Ricardo Piglia gleichzeitig in zwei Hotelzimmern: in einer Pension in La Plata, wo er Kurse am geschichtswissenschaftlichen Institut gibt, und im Hotel Almagro in Buenos Aires, wo er Arbeit bei einem Verlag gefunden hat und darauf wartet, dass sein erster Band mit Erzählungen veröffentlicht wird. Zufällig findet er in seinem Hotelzimmer in La Plata Briefe, die eine junge Frau in einer offenbar verzweifelten Lebenslage geschrieben hat. Ebenso findet er welche in Buenos Aires, und zwar die Antworten eines Mannes auf eben jene Briefe der jungen Frau. Ein sonderbarer und verstörender Zufall, der als Programm dieses Bandes gelesen werden kann. Denn in - oder vielleicht besser: mit - der Literatur sucht Piglia die Wahrheit hinter dem Sichtbaren, die verborgene Geschichte hinter der offensichtlichen, das Wechselspiel zwischen der Verschriftlichung von Leben und der Verlebendigung von Literatur.

 

Programmatisch ist aber nicht nur diese vorausgeschickte Anekdote, sondern schon der Titel: Kurzformen. Babylon, Borges, Buenos Aires. Piglia versammelt in diesem schmalen Bändchen Tagebucheinträge, Essays, Thesen, Vorträge und  Gedankenschnipsel, die allesamt um die Literatur kreisen. Babylon steht hier für das Sprachengewirr eines Landes, das seit jeher von Immigration bestimmt war und das Piglia als „Vorstadt der Welt“ bezeichnet. Borges als - zumindest in Europa - bekanntester Vertreter der argentinischen Literatur, dessen Werk und Leben vielfach evoziert und zitiert wird. Und Buenos Aires als Ort, an dem Literatur spielt und geschrieben wird, als Heimat oder zumindest vorübergehende Heimat von Schriftstellern wie Roberto Arlt und Witold Gombrowicz, Jorge Luis Borges und Macedonio Fernandez.

 

Große Fragen

Was schuldet die Psychoanalyse der Literatur und was die Literatur der Psychoanalyse? Dies ist eine der Fragen, denen Piglia nachgeht. Die Literatur hat ihr, so der Autor, etwa das Werk von James Joyce zu verdanken, der sich nicht ihre Inhalte, sondern ihre narrativen Verfahren angeeignet hat.

Und was bedeutet es, Literatur zu übersetzen oder die Weltliteratur nur in Übersetzungen rezipieren zu können? Wie haben diese Prozesse die Entwicklung der argentinischen Literatur beeinflusst? Und was bedeutet es für die Sprache, wenn ein ausländischer Schriftsteller sein Werk selber in ein „geträumtes Spanisch“ übersetzt wie etwa Gombrowisz mit seinem Roman Ferdiduke? Dies etwa sind Fragen, die Piglia in dem Kapitel Der polnische Roman umkreist. 

 

In seinen Thesen zur Erzählung beschreibt er dieses Genre als das Zusammenspiel von eigentlich zwei Erzählungen, nämlich der sichtbaren und der darunter verborgenen. Die Auflösung am Ende, der Überraschungseffekt, komme dadurch zu Stande, dass hinter der sichtbaren Erzählung plötzlich die verborgene aufscheine. So sei eine Erzählung immer erst von ihrem Ende her wirklich begreifbar.

Einen weiteren Aspekt hierzu, entwickelt Piglia an Hand eines Textes von Calvino. Dieser erzählt in Sechs Vorschläge für das neue Jahrtausend die Geschichte des chinesischen Malers Chuang Tzu, der von seinem König gebeten wird, einen Krebs zu zeichnen. Er akzeptiert den Auftrag und lässt sich zehn Jahre lang von dem König Diener und ein Haus bezahlen. Kurz vor Ablauf dieser zehn Jahre zeichnet er in einem einzigen Moment den perfekten Krebs. Eine Parabel auf das künstlerische Schaffen, seiner Unvorhersehbarkeit und seiner Unvereinbarkeit mit der im Rest der Welt herrschenden Zeit.

 

Wie hätte Kafka diese Geschichte erzählt? Und wie Borges? Und Brecht? Die von Piglia entwickelten Hypothesen sprechen nicht nur von seiner – niemals akademischen – Gelehrtheit, sondern werfen die Frage auf, wie ein Schriftsteller sich positioniert, was den Kern seines Zugangs zur Welt und zur Literatur ausmacht.

 

Weniger eindeutige Antworten

Einige Fragen bleiben dennoch unbeantwortet: Warum wird Cortazar nicht einmal erwähnt, der mit seinen Roman-Experimenten viele Jüngere beeinflusst hat? Und Sabato? Und warum erhält keine Frau Eintritt in Piglias Olymp?

Trotzdem: Wer die Literatur liebt, der befindet sich mit Piglia in hervorragender Gesellschaft und wird Lust bekommen, noch unbekannte Schriftsteller zu entdecken oder bekannte wieder zu lesen. Man findet eine Unmenge an anregenden Zitaten, Ereignissen aus dem Leben großer Schriftsteller und Überlegungen zu vielen Aspekten der Literatur. Und dies in einer eminent literarischen Sprache und einer tastenden, suchenden Bewegung, die weniger an eindeutigen Antworten als an offenen Fragen und Denkanregungen interessiert ist.

 

„Man schreibt sein Leben, wenn man glaubt, seine Lektüren zu schreiben,“ notiert Piglia in seinem Nachwort. Und: „Der Kritiker ist derjenige, der sein Leben im Inneren der Texte findet, die er liest.“ Statt Kritiker könnte man auch sagen: der Leser. Denn für diese Art von Leser ist das Buch geschrieben.


 

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