Große Fragen
Was schuldet die Psychoanalyse der Literatur und was die Literatur der Psychoanalyse? Dies ist eine der Fragen, denen Piglia nachgeht. Die Literatur hat ihr, so der Autor, etwa das Werk von James Joyce zu verdanken, der sich nicht ihre Inhalte, sondern ihre narrativen Verfahren angeeignet hat.
Und was bedeutet es, Literatur zu übersetzen oder die Weltliteratur nur in Übersetzungen rezipieren zu können? Wie haben diese Prozesse die Entwicklung der argentinischen Literatur beeinflusst? Und was bedeutet es für die Sprache, wenn ein ausländischer Schriftsteller sein Werk selber in ein „geträumtes Spanisch“ übersetzt wie etwa Gombrowisz mit seinem Roman Ferdiduke? Dies etwa sind Fragen, die Piglia in dem Kapitel Der polnische Roman umkreist.
In seinen Thesen zur Erzählung beschreibt er dieses Genre als das Zusammenspiel von eigentlich zwei Erzählungen, nämlich der sichtbaren und der darunter verborgenen. Die Auflösung am Ende, der Überraschungseffekt, komme dadurch zu Stande, dass hinter der sichtbaren Erzählung plötzlich die verborgene aufscheine. So sei eine Erzählung immer erst von ihrem Ende her wirklich begreifbar.
Einen weiteren Aspekt hierzu, entwickelt Piglia an Hand eines Textes von Calvino. Dieser erzählt in Sechs Vorschläge für das neue Jahrtausend die Geschichte des chinesischen Malers Chuang Tzu, der von seinem König gebeten wird, einen Krebs zu zeichnen. Er akzeptiert den Auftrag und lässt sich zehn Jahre lang von dem König Diener und ein Haus bezahlen. Kurz vor Ablauf dieser zehn Jahre zeichnet er in einem einzigen Moment den perfekten Krebs. Eine Parabel auf das künstlerische Schaffen, seiner Unvorhersehbarkeit und seiner Unvereinbarkeit mit der im Rest der Welt herrschenden Zeit.
Wie hätte Kafka diese Geschichte erzählt? Und wie Borges? Und Brecht? Die von Piglia entwickelten Hypothesen sprechen nicht nur von seiner – niemals akademischen – Gelehrtheit, sondern werfen die Frage auf, wie ein Schriftsteller sich positioniert, was den Kern seines Zugangs zur Welt und zur Literatur ausmacht.