Gideon Samson: Der Himmel kann noch warten
29.07.2010
Wie ein Fisch in einem Glas
Belle führt kein Tagebuch, weil die ihrer Meinung nach sowieso nur voller Lügen sind. Stattdessen füllt sie ein Heft, in dem sie aufschreibt, was passiert. Eigentlich nicht viel, denn Belle liegt im Krankenhaus und weiß nicht, ob sie je wieder gesund werden wird. Aber gerade deswegen ist das Wenige eine ganze Menge. Von ANDREA WANNER
Wie sieht so ein Tag im Krankenhaus aus? Belle geht es nicht gut, sie ist müde, muss sich ständig übergeben und liegt mit sich und der Welt im Clinch. Sie hat eine Operation hinter sich und - wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt - eine weitere vor sich. Sie ist übellaunig, zickig und provozierend. Sie stößt Besucher vor den Kopf, überschreitet Grenzen und wird nur sehr selten von schlechtem Gewissen geplagt. Belle darf das, denn sie ist sehr krank.
Verletzungen
Die Probleme, die Belle hat, liegen auf ganz verschiedenen Ebenen. Vordergründig ist es natürlich ihre Krankheit, die sie an ein Krankenhausbett fesselt und ihre Kontakte nach außen einschränkt. Aber schnell wird deutlich, dass ihr Leben auch sonst voller Probleme steckt. Die Eltern haben sich getrennt, der Vater lebt mit einer neuen Frau zusammen. Belle erträgt weder die übertriebene Fürsorge ihrer Mutter noch den zwanghaften Optimismus ihres Vaters, der seine eigenen Pläne hat und nicht seiner Tochter wegen zurücksteckt. Es gab eine Zeit, da waren die Eltern glücklich miteinander, jetzt vermeiden sie jedes Zusammentreffen.
Die Freundinnen, die Belle besuchen, absolvieren Pflichtbesuche, von eifrigen Müttern dazu angehalten. Sie sind froh, wenn sie wieder gehen können und Belle ist erleichtert, sie wieder los zu sein. Man hat sich nichts zu sagen. Jan, ein kleiner Junge, ein „richtiges Plappermäulchen“, wird zu Belle ins Zimmer gelegt. Auch da fällt ihr nichts anderes ein, als mit ihren eigenen Ängsten und ihrer eigenen Verzweiflung den vertrauensseligen Kleinen zu quälen. Aufatmen kann sie nur, wenn die Großeltern zu Besuch sind. Da findet endlich ein Stück Normalität statt, triefen die Gespräche nicht mehr vor Mitleid.
,,Ein Heft für, wenn ich tot bin."
Gideon Samson, Jahrgang 1985, trifft genau den richtigen Ton. Ziek (dt.: krank) heißt sein 2009 in den Niederlanden erschienenes Buch schlicht. Er verzichtet auf Diagnosen, erspart den Lesern die Vorgeschichte, jenes Stück Normalität, das Belle einmal gelebt haben muss. Ihr Hier und Jetzt ist das Krankenhaus. Was sie sich von der Seele schreibt, geschieht in kurzen Sätzen, bruchstückhaften Dialogen. Auch wenn nicht alle Passagen in jenem gekonnt glaubwürdigen Skizzenstil einer 12-Jährigen durchgehalten werden, ist es doch ein glaubwürdiges Stimmungsbild. Belle erinnert sich an bessere Tage, träumt von der Zukunft, von Reisen, davon berühmt zu werden und davon, einen Jungen zu küssen. Die meiste Zeit ist sie ein Ekel – aber wer wäre das in ihrem Zustand nicht?
„Ich bin wütend auf Gott, weil er Janis Leben genommen und mir diese blöde Scheißkrankheit gegeben hat“, formuliert Belle. Hoffnung ist ein Luxus, den sich die Kleinen wie Jani leisten können. Hoffnung basiert auf Naivität - und die hat Belle längst verloren. Irgendwann war sie so wie Jani. Immer weiter reichen ihre Erinnerungen zurück, bis sie in jener Zeit angekommen ist, als irgendwie noch alles in Ordnung war. Aber Jani stirbt, und das ist eben ein weiterer Beweis für einen Gott, den es nicht geben kann.
„Ich fühle mich wie ein Fisch. In einem Glas. Einem kleinen Glas, aus dem er nie mehr entkommen kann. Ich muss immer im Kreis schwimmen. Und Fischfutter essen.“
Worte, die man aus dem Mund einer 12-Jährigen nicht unbedingt hören will. Aber ist Der Himmel kann noch warten deswegen eine düstere Geschichte? Nein, eher eine, die sehr nahe an der Realität bleibt. Samson lässt das Ende offen. Trotzdem ist Belles letzter Hefteintrag tröstlich: „Eine Erinnerung“ steht da als Überschrift, fett durchgestrichen und ersetzt durch eine neue Überschrift: „Ein Zukunftsbild.“
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