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Tove Appelgren: Keiner hat mich lieb, findet Josefine
05.08.2010
"Ich bin immer die Alleinste!"
Kinder aus Patchworkfamilien haben es nicht immer leicht haben, ihren Platz in der Familienhierarchie zu finden. Da werden schnell falsche Rückschlüsse gezogen wie von Josefine, dem Sandwich-Kind. Von BEATE MAINKA
Wir schlagen das Bilderbuch auf und haben die pure skandinavische Sommeridylle vor Augen, ein nettes Holzhäuschen am Strand, ein kleines Mädchen, das gerade mit Schwimmring vergnügt aus dem Wasser stapft, die Mutter, die draußen das Geschirr abwäscht, ein Dreirad, Möwen auf dem Dach, herumliegendes Spielzeug. Tatsächlich geht das auf der nächsten Seite auch noch so weiter, denn Josefine spielt vergnügt mit ihrer kleinen Schwester Freja und ist die Prinzessin vom Spielhäuschen. Doch das Unheil naht in Form von Stiefschwester Wendla, die nun die Rolle der Prinzessin übernehmen will. Schon entwickelt sich der allerschönste Streit, Mamas Schlichtungsversuch scheitert, Josefine schmeißt hin und verschwindet schmollend auf ihrem Stein im Schilf. Dort versinkt sie in Selbstmitleid, denn ihren großen Bruder Paul, Wendla, die Tochter von Mamas neuem Mann Viktor und die kleine Freja hat Mama sowieso viel lieber. Doch manchmal helfen auch düstere Fantasien wie über die eigene Beerdigung und schon entsteht daraus ein Spiel, das alle begeistert aufgreifen. Und dann geht Mama doch tatsächlich spätabends noch mit Josefine baden, ganz allein zu zweit.
Das Bullerbü-Gefühl
Warum verstehen es eigentlich ausgerechnet die Skandinavier so ausgezeichnet, auch schwierige Themen mit leichter Hand und ohne Holzhammer-Pädagogik an das Kind zu bringen? Die beiden Schwedinnen Tove Appelgren und Salla Savolainen beweisen das auch in ihrem vierten Bilderbuch mit Titelheldin Josefine, nachdem sie bereits so grundlegende Themen wie den Wunsch nach einem Hund oder das abendliche Zu-Bett-gehen erfolgreich thematisiert haben. Vielleicht liegt es daran, dass die Schweden ihre kleinen Helden mitsamt ihrer noch unausgegorenen Gefühlswelt ernst nehmen, das war schon bei Astrid Lindgren so und hat sich bei Generationen von schwedischen Kinderbuchautoren, unter Berücksichtigung sich wandelnder Familienformen, fortgesetzt. Zudem gönnen sie ihren kleinen Mitbürgern Freiheiten, von denen etwa deutsche Kinder nur träumen können, was vielleicht auch an der grenzenlosen Weite der schwedischen Landschaft liegen könnte. Da hat man Auslauf und findet schnell sein Rückzugsgebiet wie etwa Josefine ihren Stein im Schilf.
Problemlösung ganz nebenbei
Gibt es dann doch einmal ernsthafte Probleme, so löst man sie im Vorbeigehen, nebenbei, ohne großes Aufsehen und schon gar nicht mit Schuldzuweisungen. So auch Josefines Mutter, die sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst ist, aber auch nicht so recht weiter weiß und zunächst einmal den Zorn ihrer Tochter verrauchen lässt, um dann, als diese ihr Problem alleine gelöst hat, diese Initiative mit einem abendlichen Zusammensein zu belohnen. Das zeugt von hoher pädagogischer Finesse, dem Glauben an die Stärken ihrer Kinder sowie einer großen Portion Gelassenheit im Umgang miteinander.
Ob die schwedische Kindererziehung, wie sie in vielen Bilderbüchern wie etwa der hinreißend anarchistischen Max-Reihe von Barbro Lindgren und Eva Eriksson dargestellt wird, tatsächlich der rauen Realität entspricht, sei dahingestellt. Wir erkennen die gute Absicht und schneiden uns eine dicke Scheibe davon ab. Unsere Kinder werden es uns danken!
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