Alberto Torres Blandina: Salvador und der Club der unerhörten Wünsche
30.08.2010
Der gute Geist des Flughafens
Salvador Fuensanta fegt seit Jahren tagein, tagaus die Halle des Airports und vertreibt den Wartenden die Zeit. Der Putzmann erzählt Geschichten – lebenskluge, sperrige, nachdenkliche, fantastische – genau die, welche der Reisende braucht. Von MONIKA THEES
Gute Geschichten sind wie Reiseziele – sie müssen zu uns passen. Dann gelingt der Take-off in die Welten der Imagination. Worte tragen uns hinauf, lassen uns durch Wolken und Sätze gleiten, schwebend im luftig-leichten Reich der Möglichkeiten. Gut erzählte Geschichten machen neugierig, die Erdenschwere weicht, der Blick wird weit, die Enge des Alltags bricht auf mit Sicht auf neue Horizonte. Utopie, Sehnsucht, das Verborgene unserer Wünsche und Träume – in der Freiheit der Fantasie wird Wirklichkeit, was wir nicht zu hoffen wagten und niemals ahnten. Gute Geschichten, nun ja, fegen den Staub von der Seele, sie beflügeln.
Und wo hört man diese Art Geschichten? Doch nicht auf dem Flughafen. Dort im Wartesaal oder auf den weitläufigen Gängen, mitten im Gewimmel, zwischen Koffern, Info-Stand und Check-in, im Gewirr der Stimmen und Sprachen? Und ob. Zumal wenn Salvador Fuensanta den Weg kreuzt, sollte der Reisende zuhören und die Ohren spitzen, denn er, der Putzmann und Dienstälteste des Flughafenpersonals, ist ein Fabulierer, ein Weiser und, wen wundert’s, ein begnadeter Poet. Seit über zwanzig Jahren kehrt der gute Geist des Flughafens die Hallen und Flure, lässt die Wartenden die Füße heben, damit er unter der Sitzbank fegen kann, er hält ein Schwätzchen mit der Frau am Kiosk, grüßt die tipptopp adrette Stewardess und kennt den und die, fast alle. Und er erzählt jedem genau die Geschichte, die dieser braucht.
Destinationen der Fantasie
Woher Salvador diese weiß? Nun, er liebt die Menschen und kennt ihre Nöte, möchte ihnen die Zeit vertreiben, sie trösten, ermuntern und unterhalten. Auf dem Flughafen ist das Alltägliche weit weg, der Raum dehnt sich aus. „Kaum hat man die Halle betreten, ist man in einer anderen Welt, Lichtjahre von seinen Sorgen, an einem Ort, wo man niemanden kennt und wo niemand über einen urteilt. Wo man keine andere Vergangenheit hat als die, die man gerade erfindet, und keine andere Gegenwart als den Wartesaal ...“ Ein Airport als Zwischenzone, außerhalb aller Zwänge und Verbindlichkeiten, als Ort, an dem man den „unerhörten Wünschen“ näher kommt, den Destinationen der eigenen Fantasie?
Alberto Torres Blandina, 1976 in Valencia geboren, hat für seinen Roman „Salvador oder der Club der unerhörten Wünsche“ ein wahrlich ungewöhnliches Setting gewählt: den Flughafen als Blackbox. Ein Allerweltsterminal irgendwo in Spanien gibt die grandiose Kulisse für Salvadors unglaubliche Geschichten: tragikomische, lebenskluge, irgendwie sperrige, nachdenkliche, fantastische ... Geschichten, die er beiläufig erzählt während einer Zigarettenpause, bei der freundlichen Ermahnung an einen Passagier, die Zeitung nicht einfach herumliegen zu lassen, sondern in den Papierkorb zu werfen, beim Plausch mit der hübschen Kellnerin in der Cafeteria, bei der zufälligen Begegnung mit einem Reisenden am Gate.
Da ist die Geschichte des großen finnischen Dichters Jussi Latvala, der sich selbst erfand und eines Tages auf einer Flughafenbank sein Leben aushauchte. Oder die des Amok laufenden Eduardo, eines, so meint man, wohlerzogenen Jungen, der eines Tages von der Dachterrasse eine Ladung Schrot auf eine Gruppe Jugendlicher abfeuert. Oder die des schüchternen Domingo Millón, dem ein Verkäufer die Vorzüge eines geheim operierenden Zirkels anpreist: Im Club der unerhörten Wünsche erfüllen sich die Mitglieder gegenseitig mehr oder minder ausgefallene, mitunter auch verbrecherische Gefälligkeiten. „Heute für dich – morgen für mich: Gefälligkeitsbörse.“
Poesie des Augenblicks
Und da ist das Mädchen Mia, das der junge Aushilfsputzmann Pau auf einer Sitzbank sieht, allein, versteinert und ohne Gedächtnis. Er verliebt sich in die junge Frau, nimmt sie zu sich und erfindet ihr eine makellose Biografie. Eine Geste genügt, ein beliebiges Accessoire oder der Name eines Landes. Salvador erschafft Figuren, haucht ihnen Leben ein, lässt sie auftauchen und wieder verschwinden. Er zerpflückt seine Helden, setzt sie wieder zusammen, erdichtet Lebensentwürfe nach frei fantastischer Wahl. Kurios sind seine Geschichten, manchmal wundersam, unglaublich, allesamt erzählt im charmanten Plauderton, mit einem Augenzwinkern – und einem Tropfen Lebensweisheit.
„Cosas que nunca ocurrirían en Tokio“ heißt der mit dem Literaturpreis Las Dos Orillas ausgezeichnete Erstling des Schriftstellers, Musikers und Drehbuchautors Torres Blandina, zu Deutsch: Dinge, die niemals in Tokio geschehen (vorkommen). Was ist wirklich, was erfunden? Das Utopische der lose miteinander verbundenen Episoden mengt sich mit dem altbekannt Vertrauten eines profanen Wartesaals. Salvador, dieser freundliche, lebenserfahrene Poet des Augenblicks, hat den Flughafen zeitlebens nie verlassen. Noch dreiunddreißig Tage wird er hier fegen, ab und zu einen coffeinfreien Kaffee trinken und eine Geschichte fortspinnen. Danach ist er im Ruhestand. Und die Reisenden? Sie werden ihn missen, nach ihm fragen.
Wer glaubt, dass das Erzählen ein Ende findet, wird belehrt. Nicht ohne Ironie lässt Alberto Torres Blandina, der hauptberuflich spanische Literatur unterrichtet, den sympathischen Geschichtenerzähler wiederauferstehen, als Schauspielerdouble, gecastet von einer Agentur. Die wundersame Wiederkehr des Putzmanns und Fabulierers ist weniger Spiel denn Notwendigkeit – für uns, für die Reisenden, für ihre Sehnsüchte und Träume. Ohne den guten Geist des Flughafens wäre dieser Wartesaal nur ein kahler, großer Raum, eine Leerstelle zwischen Kommen und Gehen, ohne Freiflug in die luftig-leichten Höhen der Möglichkeiten, sei es für eine Zigarettenlänge oder zwei.


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