Alexandra Bullen: Drei Wunder
12.08.2010
Zauberhafter Hokuspokus
Ein Neustart in San Francisco. Für Olivia ist das neue Leben in der Metropole in Kalifornien eine einzige Herausforderung. Zwischen ihren Eltern gibt es ständig Streit, an der High School fühlt sie sich fremd und den Verlust ihrer Zwillingsschwester Violet hat sie noch lange nicht verkraftet. Eine ganz normale Teenagerproblemgeschichte? Mitnichten! Von ANDREA WANNER
Mariposa of the Mission
Es dauert nicht lange, bis der gespannte Leser (bzw. die gespannte Leserin, denn es handelt sich eindeutig um einen Roman für junge Mädchen) sich mitten in einem Märchen findet.
Der Anlass ist banal: Olivia braucht ein Kleid für die Einstandsparty ihrer Mutter. Sie, die wenig modeerfahrene Zwillingsschwester, beschließt ein Kleid von Violet zu tragen, das allerdings einen Riss am Reisverschluss hat. Olivia macht eine Änderungsschneiderei ausfindig, einen seltsamen, verstaubten Ort, Mariposa of the Mission, an dem Posey, ein merkwürdiges Mädchen, wirkt. Als wenige Tage später ein Päckchen von Posey eintrifft, liegt darin nicht das erwartete Pucci-Kleid aus Satin mit hellen, konzentrischen Kreisen sondern ein schweres, schwarzes Kleid mit tief angesetzter Taille und einem tiefen V-Ausschnitt im Rücken. Fast gegen ihren Willen probiert Olivia es an und ist erstaunt über die wundervolle Wirkung, die es an ihrem Körper entfaltet. Außerdem gibt es ein kleines, besonderes Detail: in der Nähe des Saums sitzt ein winziger gestickter Schmetterling.
Wünsche
Genau dieser Schmetterling – das spanische Wort dafür ist „Mariposa“ sorgt noch an demselben Abend nach einer langweiligen Party für das 1. Wunder. „Ich wünschte. Ich hätte meine Schwester zurück“, fasst Olivia diesen grässlichen Abend mit zu viel Alkohol am Ende zusammen. Und da ist sie: Violet. Scheinbar so lebendig wie eh und je – aber nur für ihre Zwillingsschwester Olivia sichtbar. Posey, die unscheinbare Änderungsschneiderin, kann Licht in das Dunkel bringen.
Sie verfügt über die von der Großmutter ererbten Gabe, Wunschkleider zu nähen und weiht die staunende Olivia in das Geheimnis ein: Posey wir Olivia drei Kleider nähen, jedes steht für einen Wunsch. Die Bedingungen sind: Olivia darf niemanden davon verraten. Universelle Wünsche wie Weltfrieden oder das Ende von Hunger und Armut sind nicht zulässig. Es dürfen keine zusätzlichen Wünsche gewünscht werden und nicht zweimal das Gleiche. Sprachlos aber glücklich verlassen die Zwillinge den kleinen Laden. An der Seite der toten, aber vormals sehr viel unternehmungslustigeren Schwester beginnt Phase 2 in San Francisco, endlich mit den richtigen Leuten, den angesagten Events, den Dingen, die Fun bringen. Und es gibt noch zwei ausstehende Kleider und somit noch zwei Wünsche.
Erfüllung
Alexandra Bullen spielt in ihrem Debüt mit einem uralten Märchenmotiv und es gelingt ihr diese Zeit, zu der das Wünschen noch geholfen hat, unbeschadet in das Amerika des 21. Jahrhunderts zu transportieren. Da gibt es groteske Szenen, in denen Olivia sich mit der unsichtbaren Begleiterin unterhält oder die ewig überlegen, aber tote Schwester mit lebenspraktischen Tipps aufwartet. Es gibt Momenten, in denen sich beide an gemeinsame Lebzeiten erinnern und auch das Erinnern an den Tod der leichtsinnigen Violet. Zwei Schwestern, unterschiedlich wie Tag und Nacht (auch das ein Märchenmotiv) erleben die neue Zeit, die neue Umgebung ganz unterschiedlich. Dann gibt es noch zwei Jungs, die im Leben von Olivia eine Rolle spielen könnten. Der eine ist in sie verliebt, den anderen liebt sie. Was liegt näher, als den nächsten Wunsch für die Liebe zu verwenden? Aber das Wünschen war noch nie einfach und für Olivia beginnt eine Gratwanderung zwischen Märchen und Realität
Etwas irritiert nimmt man ganz am Ende zur Kenntnis, dass dieses Märchen der Auftakt zu einer neuen Serie ist. Also nichts mit „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ Dafür jede Menge wunderbarer Überraschungen in Band 1, sommerleichte, schmetterlingsbeschwingte Unterhaltung!


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