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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:25

Sabine Ludwig: Aufruhr im Schlaraffenland

26.08.2010

Zusammenprall der Kulturen

Die einen meiden jede Anstrengung, um immer essen zu können. Die anderen meiden keine Anstrengung, um endlich richtig reich zu werden. Märchenwelt hie, unsere moderne Welt da. Wenn die beiden aufeinandertreffen, muss es ja ein Gewitter geben. Sabine Ludwig schickt zwei Jugendliche in den Sturm. Von MAGALI HEISSLER

 

Der zwölfjährige Philipp leidet, besonders an seinem Vater. Herr Paproth ist nämlich nicht nur selbstherrlich, sondern auch geizig. Bis auf die Knochen. Das bringt Philip statt toller Sommerferien, wie seine Schulfreunde sie erleben dürfen, eine Fahrt aufs Land ein, weil sein Vater Berufliches günstig mit Privatem verbinden möchte. Da Vaters Geiz aber auch bei der Anschaffung des neuen Navigationsgeräts das erste Wort hatte, versagt das Billig-Gerät auf dem Weg. Guter Rat ist bekanntlich teuer, also nimmt Herr Paproth ihn nicht an. Auf diese Weise sammeln Vater und Sohn nicht nur unfreiwillig Frau Schultze aus Berlin mitsamt zwei Kindern auf, sondern landen überdies nach einer Fahrt durch einen höchst seltsamen Matsch in einem Ländchen, das die fünf für die nächsten Tage immer wieder aufs Neue verblüfft.

 

Bei der Verblüffung bleibt es nicht, bald wird die Sache merkwürdig und schließlich beängstigend. Dabei ist Dobermann Tyson nicht einmal die größte Gefahr, Milchsee und Weinbrunnen, Geld und Kleider, die von Bäumen fallen, Pfannkuchen auf den Dächern, Fenster aus Zuckerguß, Zäune aus Bratwürsten und Teller, die rund um die Uhr wohlgefüllt sind, stellen sich als alles andere als die reine Lust für unsere Reisegesellschaft heraus. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Landstrichs sind offenbar auch ein Kapitel für sich. Und was hat dieser eigentümliche Harry Hanfstengel mit all dem zu tun? Philipp und die ein wenig ältere Samantha Schultze nehmen die Ermittlungen auf.

 

Süchte

Es geht um Sucht in Sabine Ludwigs neuem Kinderbuch, um die nicht nachlassende Gier nach Essen, Reichtum, Macht, und all das möglichst ohne allzu großen Aufwand. Ein altes Märchen bildet den Hintergrund, die Geschichte vom Schlaraffenland. Es gilt als halbvergessen, vielleicht ist das der Grund, warum man dem jugendliche Zielpublikum nicht das Rätseln darüber, wo seine Heldinnen und Helden denn nun hineingeraten sind, überlassen hat. Der Buchtitel gibt das Geheimnis und einen Teil der Handlung schon preis. Problematisch ist auch die Entscheidung, die Geschichte aus zwei Blickwinkeln zu erzählen zu, nämlich dem unseres tapferen Helden Philip und dem der Bösewichte. Auch wenn Jäger und Gejagte immer wieder die Rollen wechseln, wird damit zuviel vorgegeben. Man sollte Kinder ruhig stärker mitdenken lassen.

 

Spaß und Spannung bekommen sie jedoch genug. Überhaupt merkt man dem Buch an, das es Spaß gemacht haben muss, es zu schreiben. Das gilt nicht nur für die Beschreibungen all der Köstlichkeiten, die das Schlaraffenland zu bieten hat, sondern für das Ausmalen der Süchte insgesamt. Vater Paproths Geiz ist eine Sucht, ebenso wie Carmen Schultzes hemmungsloses Ausleben ihrer ‚all inclusive’-Pauschaltouristinnen-Überzeugung, die Verfressenheit Justins, des jüngsten Schultzes, oder die Habgier von Harry Hanfstengel. Selbstverständlich ist Samantha süchtig nach einem hinreißenden Vampir-Jüngling, dessen Abenteuer sie in Buchform herumschleppt. Aber auch die Einwohner des kleinen Ländchens sind süchtig, und es ist nicht einfach, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

 

Und Sehnsüchte

Eben dabei hakt es ein wenig. All die Süchte sind nämlich zugleich Sehnsüchte, und diese sollte man grundsätzlich ernst nehmen. Geliebt wollen sie werden, alle, die in diesem Buch auftreten. Etwas Besonderes wollen sie sein, etwas zu sagen haben, nicht immer getreten werden, immer satt sein. Ihre Vorstellungen haben sich eben auch in den Text eingeschrieben, obwohl sich die Autorin deutlich für die witzige Seite des Ganzen entschieden hat. Es stecken Fetzen vieler trauriger Geschichten in diesem Buch, die traurigste ist die von Philipp, der um die Liebe seines Vaters ringt. All das aber geht letztlich unter in Slapstick und Clownerien, in Scherzen und viel Spott, der hin und wieder hart an den Rand der Verächtlichmachung gerät. Die Geschichte ist nicht rundum befriedigend.

 

Was für die jugendlichen Leserinnen und Leser bleibt, ist, neben einem Buch in bewährter ausgezeichneter Qualität und mit niedlichen Vignetten verziert, ein spannender Krimi mit Schrecken ganz eigener Art, originellen Figuren und einem richtig aufregenden Schluss. Dazwischen liegen jede Menge verrückter, urkomischer oder auch herzallerliebster Szenen. Ein Lesevergnügen, aber muss das immer alles sein?


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