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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:28

Amina Paul: Die Welt steht Kopf - in der Elternschule

20.09.2010

Blonde Dackel und das Automobil der Zukunft

Was diese beiden Dinge miteinander verbindet, verrät uns Amina Paul in ihrem ersten, herrlich schrägen Kinderbuch, in dem Eltern und Kinder, zunächst unfreiwillig, die Rollen tauschen. Von BEATE MAINKA

 

Irgendetwas stimmt nicht an diesem Morgen, als der zehnjährige Florian aufwacht. Es ist viel zu hell, kein Kaffeeduft zieht durchs Haus und außerdem ist es mucksmäuschenstill. Schwester Sophie liegt nebenan ebenfalls noch in tiefem Schlummer, von den Eltern fehlt jede Spur. Bis Florian Geräusche aus dem Wohnzimmer hört und Herrn Doktor Hansen, auf dessen neueste Automobilentwicklung die Welt wartet,  nebst Gattin hemmungslos kichernd im Wohnzimmerschrank vorfindet. Doch nicht nur Florians Eltern benehmen sich äußerst kindisch. Als immer mehr Schüler verspätet auf dem Schulhof auftauchen, wird schnell klar, dass alle Erwachsenen der Stadt sich wie ausgelassene Grundschüler benehmen. Jetzt liegt es an den Kindern, den Laden am Laufen zu halten und sie nehmen die Herausforderung an, ihre Eltern zu erziehen – in der Elternschule. Doch wer ist verantwortlich für diesen absurden Zustand und wie begegnet man als Zehnjähriger dem Kollegen des Vaters, der alle Unterlagen über das Automobil der Zukunft für die nächste Automobilmesse braucht?

 

Verkehrte Welt ...

Wenn Eltern und Kinder die Rollen tauschen, insbesondere, wenn die Eltern sich dessen nicht bewusst sind und die Kinder ihren Ideenreichtum ausschöpfen müssen, um diese zu bändigen, ist das für einen Autor eine Steilvorlage für Slapstick. Da findet Florian schon mal nachts um 12 sechs Erwachsene auf dem Gästeklo vor, die gerade den Dackel von Frau Özdemir und dieselbe gleich mit blondiert haben. Da zoffen sich Elternpaare wie sonst Geschwister, da kommen Eifersüchteleien unter den Kindern ob der schulischen Leistungen ihrer Eltern auf. Und die Arbeit bleibt, wie im richtigen Leben, immer an denselben hängen.

 

Paul beobachtet sehr genau die Wechselbeziehung zwischen Eltern und Kindern und kehrt sie einfach um. Daraus ergeben sich die haarsträubend absurden Situationen, die das Zwerchfell reizen und die Lektüre so vergnüglich machen. Zudem ist für Spannung gesorgt durch einen schleimigen Sensationsreporter, der seiner Karriere durch eine Enthüllungsgeschichte über den kindischen Doktor Hansen auf die Sprünge helfen will.

 

... als Dauerzustand?

Doch manchmal blitzen auch Zweifel auf, ob die Zustände wirklich so paradiesisch sind, wie die Kinder sie zunächst empfinden. Keiner muss mehr früh ins Bett, man kann essen, was man will, keine Hausaufgaben nerven. Doch mit der zunehmenden Verantwortung für die Eltern verlieren die Kinder allmählich ihre Unbekümmertheit, ihren Spieltrieb, die Zeit zum Freunde treffen. Stress und Überlastung, Alltagsprobleme und Organisatorisches ersetzen diese mehr und mehr. Auch der zusammenbrechenden Infrastruktur haben die Kinder nichts entgegenzusetzen. Und so wächst der Wunsch nach der alten Ordnung, doch wie soll man die wiedergewinnen, wenn man nicht mal um die Ursache für die neue weiß?

 

Paul ist bei aller Situationskomik eine Erzählung gelungen, die Eltern und Kindern Anlass bieten kann, über ihre Rolle in der Familie und in der Gesellschaft zu reflektieren. Die haarsträubenden Situationen, mit denen die Eltern ihre Kinder konfrontieren, wirken mitunter sehr entlarvend. Zuvorderst ist dieses Buch aber vor allem eines – hinreißend komisches Lesefutter! Auch für Eltern geeignet!


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