Josh Lieb: Ich bin ein Genie und unsagbar böse
20.09.2010
,,Vote for Watson!"
Oliver Watson ist ein Außenseiter. Seine Mitschüler halten ihn für einen Schwachkopf, er ist übergewichtig und die Einzige, die ihn vergöttert, ist seine Mutter. Aber die Wahrheit ist: keiner kennt ihn, denn Oliver führt ein Doppelleben und ist in Wahrheit – tja, eben ein Genie. Und außerdem unsagbar böse. Von ANDREA WANNER
Zunächst gelingt es dem Zwölfjährigen nicht nur seine Familie, Lehrer und Mitschüler an der Nase herumzuführen sondern auch alle Leser. Man bekommt schon wirklich Mitleid, wenn Oliver erzählt, wie er in der Schule gemobbt wird und wie es leider auch der eigene Vater an Anerkennung und Zuneigung mangeln lässt. Aber schnell gibt er seine Deckung zumindest den Lesern gegenüber auf und zeigt sein wahres Gesicht: Oliver ist der drittreichste Mensch auf der Welt, regiert ein gigantisches Imperium und hat alles weit mehr im Griff, als man sich das vorstellen kann.
Wahlschlacht
Aber auch wenn er alles besitzt, was man sich nur wünschen kann (gut versteckt, damit niemand dahinter kommt) , wenn es ihm ein kleines ist, Lehrer zu manipulieren und sich auf ausgeklügelte Art an Schulkameraden zu rächen, die ihn ärgern, wurmt es ihn doch, dass er in den Augen seines Vaters eine Null ist. Nicht, dass er viel von seinem Vater halten würde, im Gegenteil. Aber dessen Missachtung ärgert Oliver so, dass er beschließt, eine Leistung, auf die sein Vater ganz besonders stolz ist, im Nachhinein abzuwerten. Vor langen Jahren wurde dieser nämlich in den Schülerrat seiner Schule gewählt.“Damals trennte sich die Spreu vom Weizen. Plötzlich zeigte sich, auf welche Leute es wirklich ankam.“ sinniert der Vater beim Essen, nachdem die Mutter erzählt, dass Ollie (als Scherz) für die Wahl zum Klassensprecher vorgeschlagen wurde – aber eine Kandidatur natürlich abgelehnt hatte. Olli fasst einen Entschluss: „Ich will ihn beschämen. Sein fetter, egozentrischer, schwachsinniger Sohn stellt sich der Wahl zum Klassensprecher. Und ich werde die Wahl gewinnen.“
Da hat Ollie schon ganz andere Dinge gemeistert. Zunächst muss er allerding den Schulleiter davon überzeugen, dass er ihn, obwohl der Anmeldetermin überschritten ist, doch noch kandidieren lässt. Zum Glück ist der Schulleiter bestechlich und mit Hilfe eines Aufruhrs in einem afrikanischen Land, der einen Diktator stürzt, (der seine Spielzeugsammlung zurücklassen muss, darunter eine kleine Plastikfigur, an der der Schulleiter einer amerikanischen High-School interessiert ist…) , gelingt die verspätete Aufnahme in die Wahlliste. Ollie ist sich sicher: er hat schon gewonnen.
Subversives Treiben
Wenn man weiß, dass Josh Lieb Drehbücher für die Simpsons geschrieben hat, wundert einen beim Lesen so schnell nichts mehr: vordergründige Witze und Slapstickeinlagen vermischen sich mit versteckter Systemkritik, einem Spiel mit Motiven und Zitaten aus anderen Heldengeschichten, die im Untergrund wirken und deren wahres Wesen verkannt wird. Olivers Wunsch, Klassensprecher zu werden, wird zur Parodie des amerikanischen Wahlkampfs schlechthin. Lügen, Bestechungsgeschenke, wahltaktisches Aufbauen eines (Schein)gegners, ja sogar seine eigene Mutter gemeinsam mit den Mädels aus der Klasse im Wahlkampffieber. Was soll schon schiefgehen? Oliver hat alles im Griff. Er weiß, dass die Welt käuflich ist und er bedient sich. Sein Timing ist ausgezeichnet, seine Rede von einem Profi bis ins kleinste Detail gestaltet. Es kann nichts schiefgehen und trotzdem bleibt ein winziges Restrisiko: „Diese verdammten Menschen mit ihren idiotischen Gefühlen. Sie sind das einzige auf der Welt, das ich nicht kontrollieren kann.“
Josh Lieb geizt nicht mit Wortwitz, gestaltet seine Charaktere liebevoll-boshaft mit Schwächen aus, scheut nicht vor Kraftausdrücken zurück und lässt DAS BÖSE an Gestalt gewinnen. Oliver ist ein desillusionierter, zynischer Siebtklässler, der sich über Artgenossen – sprich Kinder in seinem Alter – mit einem gewissen Ekel auslässt. Er ist ja auch ein Genie und hat beispielsweise „Fahrenheit 451“, die momentane Klassenlektüre, bereits im zarten Alter von zwei Jahren gelesen. Zur Illustration ist die aberwitzige Story mit Fotos garniert, sogar eine kleine Fotostory ist eingebaut und alles ist von Oliver in seiner direkten, wenig verbindlichen Art kommentiert. Es entsteht eine ganz eigene Art von Humor, mit der nicht immer leicht umzugehen ist. Bewundern wir Oliver? Beneiden wir ihn? Oder gilt ihm unser Mitleid? Es ist eine geniale Gratwanderung, Satire pur und trotzdem für eine Zielgruppe geeignet, für die Olivers Erlebnisse und philosophischen Reflexionen literarisches Neuland sein dürften.


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