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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:33

Julian Schraven: Was würde Jerry dazu sagen? (Hörspiel)

23.09.2010

Mensch und Ratte als Duo infernale

Welche Generation spricht hier? Geil? Schlaff? Noch-Nicht oder doch schon so sehr? Julian Schraven erzählt in seinem amüsanten Hörspiel vom orientierungslosen Frischabiturienten und Radiomoderator Luca „Benk“ Merus. Seine Ratte Jerry hat den Durchblick, er nicht. Hätte er sie mal besser nicht überfahren … Von MARTIN BEYER

 

Luca Merus, aufgewachsen in einem öden Provinzkaff, flattert nach dem Abi ein Job als Radiomoderator zu. Also interviewt er in der Mittagsshow sexgeile Professoren und legt A-ha auf, er weiß nicht, wie lange er das noch aushält. Als ihm dann die Wohnung gekündigt wird, schnappt er sich seine onanierende und kiffende Ratte Jerry und fährt mit ihr in Richtung Grenze, nach dem Motto: Irgendein Meer wird sich schon finden lassen, an dem man sich in einem kitschigen Augenblick einmal richtig ausweinen und zur Besinnung, ja, vielleicht sogar zu einem Lebensplan kommen kann. Dieser – in der Tat sehr kitschige – Augenblick wird durchlebt, nur leider überfährt Merus daraufhin aus Versehen seine heiß geliebte Ratte, und er erwürgt aus Zorn sogleich noch seine neue Begleiterin, die hysterische Studentin Marie.

 

Zum zweifachen Mörder geworden, nimmt Merus eine neue Identität als Betreuer eine Reisegruppe an und verliebt sich in die zartpflanzige Annette. Es geht nach Portugal, doch es kommt zu einem folgenschweren Unfall – und dann heißt es erst einmal STOPP. Ein Cliffhanger, der das Erzählte infrage stellt, vertröstet den Hörer auf den zweiten Teil, denn die Geschichte von Benk und Jerry ist als Trilogie angelegt.

 

Hörspiel aus der Off-Szene

Was würde Jerry dazu sagen? ist eine Hörspielproduktion aus der Off-Szene. Kein etablierter Verlag oder öffentlich-rechtlicher Rundfunksender zeichnet sich für die Produktion verantwortlich. Hier hat ein junger Autor seiner Leidenschaft gefrönt, Sprecher zusammengetrommelt und befreundete Bands um Musikstücke gebeten: Das Ergebnis ist ohne Zweifel respektabel.

 

Die Sprecher machen ihre Sache gut und transportieren ihre zuweilen klischeehaften Charaktere (der Vermieter ist boshaft, die Studentin überdreht, der Fernfahrer rau, Annette sanft) sicher durch das Stück. Geräuschkulisse und vor allem die eingeflochtenen Musikstücke passen gut zur Atmosphäre des Textes, kleinere, recht derbe Intermezzos sorgen für einen Übergang zwischen den acht Kapiteln. Von der Produktionsseite weiß das alles zu gefallen, die Textgrundlage verspricht ebenfalls Kurzweil und Amüsement, offenbart aber auch Schwächen.

 

Die Figur des Luca Merus ist als planloser Zyniker angelegt, ihr fehlt es diesbezüglich aber an Substanz und an wirklicher Schärfe: Über jede Handlung wird sofort reflektiert, es wird bereut, es wird sich selbstkritisch infrage gestellt, und dieses Rauschen des Über-Ichs hört selbst dann nicht auf, wenn ein Mord begangen wird. Manchmal klingt Merus wie ein geschmackloser Fünfzigjähriger, der von der Welt, vor allem natürlich von den Frauen, enttäuscht wurde. Aber Merus ist erst Zwanzig, und er kann allenfalls vermuten, dass er vom Leben enttäuscht werden wird, erfahren hat er es noch nicht – jedenfalls wird darüber noch nichts erzählt. Der Hörer hat also nur wenige Möglichkeiten, diese Figur mitzudenken und mitzuempfinden, denn alles wird zumeist überdeutlich markiert, Emotionalität wird eher behauptet als erzählt. Gefühle sind stets „unbeschreiblich“, um in der Folge dennoch bis ins Kleinste beschrieben zu werden, und an diesen Stellen wirkt auch der ansonsten glaubhafte Sprecher Andi Krösing etwas altklug.

 

Hörprobe

Generation Wie? Geil? Doof? Schlapp?

Man würde den Fortsetzungen gerne noch weniger Konvention und noch mehr Schnoddrigkeit und Radikalität wünschen. Trotz des genannten Mankos bleibt Was würde Jerry dazu sagen aber eine Produktion, die man keinesfalls im Szenewinkel verstecken muss. Vor allem junge Leute, die nach der Schule eine ähnliche Sinnkrise erleben oder erlebt haben, werden das Hörspiel sehr gerne anhören.

Welche Generation spricht hier also, könnte man fragen, und es ist derzeit ja ein beliebtes Spiel, junge Menschen unter sehr zweifelhafte Begriffe zusammenzufassen. Es gehört zu den Stärken von Julian Schraven und seiner Geschichte, dass er sich an diesem Spiel nicht beteiligt. Nur warum Ratten und Mäuse immer „Jerry“ heißen müssen, bleibt eine offene Frage.


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