Hörspiel aus der Off-Szene
Was würde Jerry dazu sagen? ist eine Hörspielproduktion aus der Off-Szene. Kein etablierter Verlag oder öffentlich-rechtlicher Rundfunksender zeichnet sich für die Produktion verantwortlich. Hier hat ein junger Autor seiner Leidenschaft gefrönt, Sprecher zusammengetrommelt und befreundete Bands um Musikstücke gebeten: Das Ergebnis ist ohne Zweifel respektabel.
Die Sprecher machen ihre Sache gut und transportieren ihre zuweilen klischeehaften Charaktere (der Vermieter ist boshaft, die Studentin überdreht, der Fernfahrer rau, Annette sanft) sicher durch das Stück. Geräuschkulisse und vor allem die eingeflochtenen Musikstücke passen gut zur Atmosphäre des Textes, kleinere, recht derbe Intermezzos sorgen für einen Übergang zwischen den acht Kapiteln. Von der Produktionsseite weiß das alles zu gefallen, die Textgrundlage verspricht ebenfalls Kurzweil und Amüsement, offenbart aber auch Schwächen.
Die Figur des Luca Merus ist als planloser Zyniker angelegt, ihr fehlt es diesbezüglich aber an Substanz und an wirklicher Schärfe: Über jede Handlung wird sofort reflektiert, es wird bereut, es wird sich selbstkritisch infrage gestellt, und dieses Rauschen des Über-Ichs hört selbst dann nicht auf, wenn ein Mord begangen wird. Manchmal klingt Merus wie ein geschmackloser Fünfzigjähriger, der von der Welt, vor allem natürlich von den Frauen, enttäuscht wurde. Aber Merus ist erst Zwanzig, und er kann allenfalls vermuten, dass er vom Leben enttäuscht werden wird, erfahren hat er es noch nicht – jedenfalls wird darüber noch nichts erzählt. Der Hörer hat also nur wenige Möglichkeiten, diese Figur mitzudenken und mitzuempfinden, denn alles wird zumeist überdeutlich markiert, Emotionalität wird eher behauptet als erzählt. Gefühle sind stets „unbeschreiblich“, um in der Folge dennoch bis ins Kleinste beschrieben zu werden, und an diesen Stellen wirkt auch der ansonsten glaubhafte Sprecher Andi Krösing etwas altklug.