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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:36

Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht! Geschichten aus der arschlochfreien Zone

02.10.2010

Ausgelagerte Ur-Natur

An so einem Migranten hätte Thilo Sarrazin seine helle Freude: TV-Moderator Dieter Moor hat seinen Hof in der Schweiz verkauft, um sich in Brandenburg als Bio-Bauer zu profilieren. Dabei fordern ihm Land und Leute erhebliche Anpassungsleistungen ab. MAXIMILIAN REEG hat sich die Geschichte der gelungenen Integration angehört.

 

Lang schon reifte in Dieter Moor, dem Moderator des Magazins TTT - Titel, Thesen, Temperamente, der Plan seinen Hof in der Schweiz gegen einen in der Nähe Berlins einzutauschen. Als seine Frau eines Tages am Telefon von einer Immobilie schwärmt, befiehlt er den Kauf – unbesehen. Entsprechend groß sind die Überraschungen, die auf Moor zukommen, als er sein Land in Besitz nehmen will: Die Vorgänger sind noch nicht richtig ausgezogen, der Ackerboden ist mager, nachts finden auf einem angrenzenden Feld Technopartys statt, in direkter Nachbarschaft befindet sich eine Flugpiste, und im örtlichen Konsum gibt es für den frischmilchverwöhnten Schweizer nur schnöde H-Milch. Auch die Dorfbewohner entpuppen sich als wortkarge Gestalten, die jeden für einen Schwätzer halten, der eine längere Antwort gibt, als ein schlichtes „Jep!“ oder „Nö!“.

 

Für Moor gibt es jedoch kein Zurück. Die Brücken zum alten Leben sind abgebrochen. Langsam beschnuppert sich die neue dörfliche Schicksalsgemeinschaft gegenseitig. Dieter Moor beschreibt die Begegnungen mit den eigenbrötlerischen Eingeborenen liebevoll und detailliert. Wenn zum Beispiel mit der Inhaberin der „Konsum“-Filiale über die Beschaffung von Frischmilch diskutiert wird, („Was wir nicht haben, brauchen sie nicht!“) notiert Moor jede Geste, jede noch so mikroskopische Äußerung. Manchmal wird die Genauigkeit allerdings auch zu viel. Wenn er sich, beim letzten Besuch im alten Hof in der Schweiz, den er ausgiebig als verlassen und abweisend beschrieben hat, ins „leere“ Bett fallen lässt, hatte nun wirklich kein Zuhörer mehr mit einem „vollen“ Bett gerechnet. Oder, wenn er auf einem Kopf „dünnes“ Haar erspäht, das zu allem Überfluss auch noch „mager“ verteilt ist, hört man in der brandenburgischen Steppe ganz leise einen weißen Schimmel wiehern...

 

Endlich Frischmilch!

Das könnte vielleicht die Hörfreude schmälern, wäre da nicht der Autor selbst, der als diplomierter Schauspieler dem eigenen Text mehr als nur gewachsen ist: Mit warmer Knatterstimme trägt er seine Erlebnisse sehr authentisch und differenziert vor. Glänzend wird die Lesung, wenn Moor die Dorfbewohner selbst darstellt, wobei man dem Schweizer kleine Dialektschwächen ohne weiteres nachsehen kann, denn er fühlt sich in die spröden Charaktere trotzdem ausgezeichnet ein. Er illustriert den inneren Widerstand des knurrigen Nachbarbauern, der sich windet, weil er den Moor um Hilfe beim Pressen seines Heus bitten muss. Die polternde Jovialität eines anderen kräht er mit beinahe überschnappender Stimme ins Mikrophon.

 

Langsam zieht Moor die Fäden seines neuen Netzwerks und stößt dabei immer wieder auf die Unterschiede seiner Schweizer Sozialisation zu den Gepflogenheiten der Eingeborenen. Seine Ur-Natur lagert der Autor dabei pfiffig auf eine Kunstfigur aus: den „kleinen Schweizer“. Der meldet sich, sozusagen als „kleiner Mann im Ohr“, immer wieder zu Wort und raunt dem Autor mit breitem Dialekt Warnungen und Ratschläge zu, wenn mal wieder unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit oder Höflichkeit aufeinander prallen.

 

Man hilft sich gegenseitig, lernt sich schätzen. Sogar ein zusätzliches Stück Land drängt man dem Moor irgendwann regelrecht auf – Land wohlgemerkt, das man dem stinkend reichen Neubesitzer des örtlichen Schlosses zu keinem Preis verkaufen wollte. Als Dieter schließlich mit anderen Dorfbewohnern ein paar halbstarke Nazis vom Feuerwehrfest vertreibt und damit aus der Ortschaft „Amerika“ eine „arschlochfreie Zone“ macht, spürt man, dass da einer wirklich angekommen ist und sich auf Gedeih und Verderb auf die neue Gemeinschaft eingelassen hat.

 

Schon das Buch, das für die Hörfassung gekürzt werden musste, hielt sich fast ein Jahr in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Moor beweist: Er hat eindeutig mehr auf dem Kasten, als nur die üblichen Schwafelautomatismen eines Fernsehmoderators. Dem Rezensenten hat er mit seinem witzigen und herzlichen Werk die Langeweile einer Bahnfahrt sehr angenehm vertrieben.

 

P.S.: Der örtliche Konsum führt nun auch endlich Frischmilch.


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Kommentar:
braucht der dieter noch einen... Schweizerversteher??? Geh' ihm gerne zur Hand und bekoch ihn auch, wenn's denn beliebt - auf der Suche nach (Schlaf-)Platz, Peter
| von peter-lang.de@web.de, 06.10.2010

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