Endlich Frischmilch!
Das könnte vielleicht die Hörfreude schmälern, wäre da nicht der Autor selbst, der als diplomierter Schauspieler dem eigenen Text mehr als nur gewachsen ist: Mit warmer Knatterstimme trägt er seine Erlebnisse sehr authentisch und differenziert vor. Glänzend wird die Lesung, wenn Moor die Dorfbewohner selbst darstellt, wobei man dem Schweizer kleine Dialektschwächen ohne weiteres nachsehen kann, denn er fühlt sich in die spröden Charaktere trotzdem ausgezeichnet ein. Er illustriert den inneren Widerstand des knurrigen Nachbarbauern, der sich windet, weil er den Moor um Hilfe beim Pressen seines Heus bitten muss. Die polternde Jovialität eines anderen kräht er mit beinahe überschnappender Stimme ins Mikrophon.
Langsam zieht Moor die Fäden seines neuen Netzwerks und stößt dabei immer wieder auf die Unterschiede seiner Schweizer Sozialisation zu den Gepflogenheiten der Eingeborenen. Seine Ur-Natur lagert der Autor dabei pfiffig auf eine Kunstfigur aus: den „kleinen Schweizer“. Der meldet sich, sozusagen als „kleiner Mann im Ohr“, immer wieder zu Wort und raunt dem Autor mit breitem Dialekt Warnungen und Ratschläge zu, wenn mal wieder unterschiedliche Auffassungen von Pünktlichkeit oder Höflichkeit aufeinander prallen.
Man hilft sich gegenseitig, lernt sich schätzen. Sogar ein zusätzliches Stück Land drängt man dem Moor irgendwann regelrecht auf – Land wohlgemerkt, das man dem stinkend reichen Neubesitzer des örtlichen Schlosses zu keinem Preis verkaufen wollte. Als Dieter schließlich mit anderen Dorfbewohnern ein paar halbstarke Nazis vom Feuerwehrfest vertreibt und damit aus der Ortschaft „Amerika“ eine „arschlochfreie Zone“ macht, spürt man, dass da einer wirklich angekommen ist und sich auf Gedeih und Verderb auf die neue Gemeinschaft eingelassen hat.
Schon das Buch, das für die Hörfassung gekürzt werden musste, hielt sich fast ein Jahr in der SPIEGEL-Bestsellerliste. Moor beweist: Er hat eindeutig mehr auf dem Kasten, als nur die üblichen Schwafelautomatismen eines Fernsehmoderators. Dem Rezensenten hat er mit seinem witzigen und herzlichen Werk die Langeweile einer Bahnfahrt sehr angenehm vertrieben.
P.S.: Der örtliche Konsum führt nun auch endlich Frischmilch.

