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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:37

Markus Feldenkirchen: Was zusammengehört

04.10.2010

Die eine Liebe, die man nie vergisst

Die erste große Liebe prägt das weitere Leben. Das zeigt uns Markus Feldenkirchen in seinem beeindruckenden Debütroman Was zusammengehört und entwirft dabei gleichzeitig das Porträt einer ganzen Generation. Von CATHÉRINE WENK

 

Es ist ein Brief, verdeckt von Rechnungen und Werbung, der Benjamins Leben auf den Kopf stellt. Der Brief trägt einen irischen Absender, versehen mit dem Ort, an dem der 36-Jährige einst seine erste große Liebe traf, während eines Schüleraustausches im Herbst 1989, dem Jahr des Mauerfalls.

Inzwischen ist aus Benjamin auf den ersten Blick das geworden, was man einen erfolgreichen, karrierebewussten Mann nennen würde. Als Banker arbeitet er in Frankfurt, jettet zwischen den Kontinenten hin und her, besitzt eine schicke Wohnung in schöner Lage und neben seiner Freundin gleich noch eine Geliebte.

 

Doch der zweite Blick verrät, dass Benjamin trotz alledem nicht glücklich ist. Sein Leben erscheint ihm rast- und ziellos, sein Job ist geprägt von Oberflächlichkeit und der Gier nach dem großen Geld und weder seine Freundin und noch seine Geliebte können ihm die Liebe geben, nach der er sich sehnt.

 

Was Benjamin all die Jahre erfolgreich verdrängt zu haben schien, kehrt nun mit diesem Brief in sein Leben zurück: Denn er hat Victoria, seine große Liebe aus Irland, nie vergessen.

Schlagartig tauchen all die Erinnerungen an die vergangene Zeit auf und mit dem ungeöffneten Brief in der Tasche bricht Benjamin zu einer Geschäftsreise in das Land auf, das der Ursprung seiner tiefen Gefühle ist.

 

Autor Markus Feldenkirchen entwirft bereits zu Beginn seines Debütromans Was zusammengehört eine stimmige Ausgangssituation. Mit dem Brief beginnt für den Protagonisten eine plötzliche Krise, er beginnt sein gegenwärtiges Leben und seine Gefühlswelt zu reflektieren, an die sich sowohl eine gedankliche Reise in die Vergangenheit als auch der reale Weg nach Irland, die Heimat seiner damaligen großen Liebe, anschließt. In als Rückblende gestalteten Kapiteln schildert Feldenkirchen den aufflammenden Beginn der Beziehung zwischen Benjamin und Victoria, ihre gemeinsame Zeit in Deutschland und das schmerzvolle Ende. Dazwischen schiebt er immer wieder Kapitel ein, die von Benjamins gegenwärtiger Reise berichten, seinem Prozess des Erinnerns und dem Bewusstwerdens.

 

Der Brief, den Benjamin Jahrzehnte später erhält, erweist sich in Feldenkirchens Roman als durchgängiges Spannungselement. Erst am Ende der Geschichte kennt der Leser seinen wirklichen Verfasser und Inhalt und damit zugleich auch die Gründe für das damalige Scheitern der Beziehung zwischen Benjamin und Victoria. Dieser Brief ist es auch, der sich wie eine Nabelschnur Vergangenheit und Gegenwart Benjamins verbindet und und so unter anderem als Spannungselement den Leser davon abhält, sich komplett in den Kapiteln, die Benjamins und Victorias Zeit der Liebe beschreiben, zu verlieren.

 

Diese Gefahr besteht nämlich durchaus. Und wenn man hier von Gefahr spricht, dann ist dies im  besten Sinne gemeint. Denn Feldenkirchen erzählt Victorias und Benjamins Geschichte so behutsam, so zärtlich, dass es unmöglich ist, nicht davon berührt zu werden. Ihm gelingt eine völlig unprätentiöse und zugleich ergreifende Schilderung der ersten großen Liebe, die den Leser mal nachdenklich, mal schmunzelnd und hier und da auch ein klein wenig wehmütig zurücklässt.

 

Das Besondere an dieser Schilderung ist die Verknüpfung mit den politischen Ereignisse im Herbst 1989, die Feldenkirchen immer wieder einfließen lässt und die sich auch im Romantitel Was zusammengehört widerspiegeln. Die Liebesgeschichte zwischen Victoria und Benjamin vollzieht sich vor dem Hintergrund des Mauerfalls und der darauffolgenden Wiedervereinigung Deutschlands. Dies geschieht jedoch ohne die typische Bedeutungsschwere und Symbolkraft, die solchen historischen Momenten häufig anhaftet. Vielmehr werden die Ereignisse aus der Perspektive des damals 16-jährigen Benjamins geschildert und man erfährt, dass sowohl ihm als auch seinen Mitschülern das Ereignis fremd, beinahe sogar bedeutungslos erscheint. Eine Erkenntnis, die für die sogenannte „Generation Wiedervereinigung“ bestimmend sein sollte.

 

Selbstreflexion und Läuterung

Neben der geschichtlichen Dimension ist es aber auch der Ort der Liebesgeschichte, die irische Insel, der sich mit der Handlung aufs Schönste verbindet. Immer wieder streut Feldenkirchen Natur- und Landschaftsbeschreibungen sowie Hintergründe zur Historie und zu den Bewohnern des Landes ein. Benjamins Liebe zu Victoria verknüpft sich so unbewusst auch mit der Liebe zu Irland.

 

Doch so sehr die irische Landschaft zur Projektion der Gefühle dient, so sehr wird der strenge Katholizismus im Land zum Grund für das Scheitern der Liebenden. Victorias Eltern verbieten ihr jeglichen Umgang mit dem deutschen Jungen. Nur heimlich treffen sich die beiden. Und als Victoria im darauffolgenden Sommer von Zuhause ausbricht und zu Benjamin nach Deutschland fährt, steht einige Wochen später plötzlich ihr Vater vor der Tür. Sie geht mit ihm nach Irland zurück, gibt Benjamin aber das Versprechen, dass sie sich bald wiedersehen werden. Einige Wochen später erhält er einen Brief, in dem sie ihm mitteilt, dass sie ihn nicht mehr liebt.

 

Hier endet die Liebesgeschichte der beiden und es beginnt das Leben Benjamins, das er heute lebt: der Job als erfolgsverwöhnter Banker, teure Reisen als Versuch der Bestätigung, aber auch die nicht aus dem Gedächtnis wollende Erinnerung an Victoria.

 

Im letzten Kapitel des Romans verabschiedet er sich von diesem bisherigen Leben, in dem er doch nie wirklich angekommen war. Er erkennt, dass seine eigentlichen Wünsche und Sehnsüchte ganz woanders liegen und dass sie mit der immer noch existierenden Liebe zu Victoria eng verbunden sind. An dieser Stelle zieht Benjamin (oder ist es der Autor) ein Fazit über seine Generation, die Generation „Wiedervereinigung“: „Es stimmte zwar, dass wir ein großes Ereignis miterlebt hatten, aber es sollte uns nicht verändern, uns Wessis jedenfalls nicht. Wir sind furchtbar strebsam geworden, haben unser Glück dem Wettbewerb geopfert, haben maßgeschneiderte Anzüge und Lebensläufe, aber keine wirkliche Aufgabe.“ Feldenkirchen macht hier deutlich, dass Benjamins Suche nach Glück, Liebe und dem wahrhaftigen Leben exemplarisch für eine ganze Generation steht.

 

Diese Selbstreflexion und Läuterung am Ende des Romans hat aber weder etwas Aufgesetztes noch moralisch Belehrendes, sie stimmt einfach nachdenklich. Nur wenn man am Ende mit Benjamin schließlich den Brief öffnet, die Gründe für das plötzliche Ende der Beziehung erfährt und dies doch eine gemeinsame Zukunft der beiden impliziert, wirkt das alles ein wenig konstruiert. Aber das offene Ende vermeidet das literarisch so oft gescholtene Happy End.

 

Und trotz eines Wehmutstropfens: Was zusammengehört ist ein wunderbarer, berührender Roman. In klarer, teils poetischer Sprache geschrieben erzählt er uns viel über die erste große Liebe und ihre Bedeutung für das weitere Leben. Er zeichnet das Bild einer Generation, die mit einem großen historischen Ereignis aufwuchs und die damit verbundenen Hoffnungen doch nicht erfüllen konnte. Traurigschön lässt er uns schließlich mit unseren eigenen, unerfüllten Sehnsüchten zurück.


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