So ehrenwert, so fraglich und so wenig verdaulich
So ehrenwert das Anliegen des Aufbau-Verlages ist, den vor beinahe hundert Jahren in Deutschland eifrig gelesenen und seitdem in Vergessenheit geratenen Pazifisten und Schriftsteller Romain Rolland zu neuen Ehren zu verhelfen, so fraglich ist doch, ob sich dieses Werk dazu eignet. Denn auch wenn Köhler schreibt, dass sich ein heutiger Leser, der „Pierre und Luce“ für sentimental oder kitschig hält, schlichtweg irrt, so ist der Stil in seiner Überladenheit und seinem Hang zur Belehrung oft schwer erträglich.
Auch scheut Rolland sich nicht vor Exkursen, die Verdorbenheit der bürgerlichen Klasse zu zeigen und ihren bevorstehenden Untergang zu prognostizieren, die als Gedanken der beiden doch eher verträumten Jugendlichen unpassend bis unglaubwürdig wirken. Romain Rolland schrieb dieses Werk mit 52 Jahren, als er bereits Nobelpreisträger, renommierter Musikkritiker und einer der am stärksten profilierten Kämpfer für Frieden und Völkerfreundschaft unter den Intellektuellen im Europa der Zwischenkriegszeit war. Nicht zuletzt unterhielt er eine lebhafte Freundschaft mit dem 15 Jahre jüngeren Stefan Zweig, die durch zahlreiche Briefe belegt ist und sich in Stefan Zweigs Biographie über Romain Rolland niedergeschlagen hat.
So ehrenwert es ist, diesen grossen Intellektuellen und überzeugten Europäer in Erinnerung zu rufen, so wenig verdaulich ist ein Werk wie Pierre und Luce in seiner Ungebrochenheit, der vollkommen ironiefreien Darstellung der idealisierten Liebe des verträumten Bürgersöhnchens und der tapferen Proletarierin und seiner expliziten Gesellschaftskritik.

