Musik als Metapher
Der Leser mag sich fragen, warum die Flucht in Tagträume nicht rundweg positiv ausfällt. Aber Ulrich scheint die Realität des Lebens auch in seine konstruierte Lebensvariante einbeziehen zu müssen. Da durchgängiges Gelingen und reine Freude sowieso nicht möglich sind, sieht er wohl keinen Grund dafür, in diese Richtung zu phantasieren. Der kurz aufflammende Gedanke, ob Erinnern und Phantasieren wirklich so funktionieren, wie es der Autor darstellt, wird beim Lesen schnell wieder verworfen. Dialoge und Handlungen sind ja auch im „echten Leben des Romans“ nicht wirklich realistisch darstellbar.
Warum ein junger Mann mit indischen Wurzeln und anglo-amerikanischer Sozialisation den Ausgangspunkt der Handlung nach Bulgarien verlegt, ist natürliche eine legitime Frage. Dasgupta scheint fasziniert von gewissen Parallelen zwischen der bewegten Geschichte dieses Landes im 20. Jahrhundert und die daran geknüpften Herausforderungen für seine Bürger sowie den Realitäten der globalisierten Welt der Jetztzeit. Scheinbar große Individualität und Wahlmöglichkeiten treffen immer wieder auf Einschränkungen und Widerstände, ob es die Machtausübung eines Regimes und die Zwänge einzelner Gesellschaftsformen oder die Grenzen des freien Willens sind. Der Mensch ist in seinem Streben nach einer Bedeutung im Leben immer gleichzeitig auf sich selbst zurückgeworfen als auch abhängig von sozialen Netzwerken und den gerade herrschenden „Realitäten“.
Wie so oft kann man auch in Solo vieles aus dem Mikrokosmos Musik auf größere Zusammenhänge übertragen. Während in Ulrichs echtem Leben eine tiefere Auseinandersetzung mit der Musik nicht erwünscht war, spielt diese in seinen Phantasien eine zentrale Rolle. In den Tagträumen wird der bulgarische Musiker Boris zum großen Star aufgebaut. Als Bulgarien Jahrhunderte lang Teil des Osmanischen Reichs war, vermischten sich asiatische und türkische Einflüsse mit der Musik der Zigeuner. Die Kommunisten verboten all das später. Die Musik von Boris soll nun zu dem geformt werden, was für Industrieunternehmen und das erfolgsorientierte Musikmanagement möglichst kommerziell zu verwerten ist, damit es einem möglichst großem Publikum, das an typisch osteuropäischer Weltmusikfolklore interessiert ist, andreht werden kann. Individualität und Lebensfreude einzelner Künstler sind nicht länger von Bedeutung, es geht jetzt um Börsennotierungen und persönliche Machtkämpfe.
Solo ist ein vielschichtiger Roman, der historische Begebenheiten und phantasievolle Geschichten miteinander verwebt. Dasgupta nähert sich mit großem erzählerischen Talent der Frage nach dem Nutzen des in einer Lebensspanne angesammelten Wissens bzw. nach dem Sinn der menschlichen Existenz im Allgemeinen.

