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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:39

Andrea Bajani: Mit herzlichen Grüßen

18.10.2010

Stumpf ironisch und schlicht symbolisch

Der Klappentext kündigt „eine fulminante Satire auf die bizarren Auswüchse der heutigen Arbeitswelt“ an und tatsächlich handelt es sich bei dem Roman Mit herzlichen Grüßen um eine Satire. Aber das Buch des jungen italienischen Autors Andrea Bajani ist nicht fulminant, sondern eindimensional. Es dreht sich auf 140 Seiten um das perfekte Kündigungsschreiben, ein „Werk der Empathie und des tief empfundenen Mitleids“. Von BASTIAN BUCHTALECK

 

Die Kündigungsschreiben sind folgendermaßen aufgebaut: In schwülstigen Worten wird dem zu kündigenden Arbeitnehmer mitgeteilt, er sei zu gut, zu kreativ, zu fleißig für das Unternehmen. Dieses sehe sich darum gezwungen, ihn zu seinem eigenen Besten in die Freiheit der Arbeitslosigkeit zu entlassen. Spätestens mit dem dritten Kündigungs­schreiben wiederholt sich dieses Muster. Verfasst sind die Kündigungen, wie der gesamte Roman, mit einer boshaften Ironie, die sich auf keine Diskussion einlässt, sondern mit dem Holzhammer Häme verteilt.

 

Hierbei sind die Kündigungsbriefe durch die eigentliche Erzählung nur lose zusammen geklammert und tauchen eher plötzlich auf, wie Fremdkörper.

 

Blasse Figuren

Ein charakterloser Ich-Erzähler berichtet, wie der Verkaufsleiter vom Personalleiter gekündigt und ihm selber der Posten als Verkaufsleiter zugeschanzt wird. Dafür wird er vom Personalleiter, der in Persona symbolisch für das böse Unternehmen steht, auf eine Fortbildung für Führungskräfte geschickt, wo er sein gesamtes Wertesystem vergessen soll. Er bekäme ein neues, wenn er es nur widerstandslos übernähme. Die Ironie auf vermeintlich nicht vorhandene Moralvorstellungen im mittleren Management ist allzu offensichtlich. Bajani versucht, mit dem Ich-Erzähler eine Figur zu zeichnen, die mitten im Unternehmen steht, aber dennoch vom Rand beobachtet. Herausgekommen ist ein Feigling. Darum bleibt die Figur blass, ebenso blass und gesichtslos sind die Figuren des Ex-Verkaufsleiters oder des Personalleiters. Ob der platten Ironie haben diese Figuren keine Chance charakterliche Vielfalt zu entwickeln.

 

Derweil folgt der Ex-Verkaufsleiter einem Diktums Bajanis – „wer mit fünfzig rausgeschmissen wird, stinkt nach Leiche und wird von allen verachtet“ – und stirbt kurze Zeit nach seiner Entlassung. Die simple ironische Konstruktion – wer seine Arbeit verliert, stirbt und wer charakterlos mitmacht, steigt auf – reizt nicht zur Lektüre. Schließlich übernimmt der Ich-Erzähler die Erziehung der Kinder des Ex-Verkaufsleiters. Dabei geht er auf jeden ihrer kindlichen Vorschläge ein, seien sie auch noch so absurd. Dieses Verhalten doppelt symbolisch das Auftreten des Ich-Erzählers in der Firma. Und hieran krankt es dem Roman: Die Ironie soll über überspitzte Analogien hergestellt werden, wobei die Spitze ist, den Arbeitsplatz als Freiheitsberaubung zu bezeichnen. Die Analogien spielgeln stumpfe Ironie, schlichte Symbolik.

 

Harmloser Roman trotz guter Ausgangsidee

Insgesamt ist Mit freundlichen Grüßen ein harmloser Roman mit der interessanten Ausgangsidee, den besten Kündigungsbrief der Welt zu verfassen. Leider stellt sich die dringendste Frage nur ganz am Rande: Was ist der Mensch ohne Arbeit: frei oder unfrei? Das nahezu zufällig wirkende Nachwort von Ascanio Celestini hätte man sich und dem Leser ersparen sollen. Eines der Kündigungsschreiben oder auch eine Serie dieser Schreiben hätten, in einem Satire-Magazin veröffentlicht, eine bessere Wirkung erzielt.


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