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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:42

Rick Yancey: Der Monstrumologe

17.01.2011

Knietief im blutigen Schlamm

Mit Der Monstrumologe legt Rick Yancey den ersten Band einer Jugendbuchreihe vor, aus der wirklich etwas werden könnte ... Von JAN FISCHER

 

Rick Yancey ist ein netter Typ. Eigentlich. Auf einem Video begrüßt er auf seiner Website alle Besucher - eine wackelige Angelegenheit, die aussieht, als hätte er sich selbst irgendwo in der Diele gefilmt. Er hat graue, säuberlich geföhnte Haare. Und er lacht viel. Oft kneift er seine Augen zusammen. Eigentlich trägt er eine Brille. Nächstes Video: Da sitzt er auf einem roten Sofa im Niemandsland der PR-Auftritte, und der Moderator des Frühstücksfernsehens eines amerikanischen Regionalsenders fragt ihn, was für ein Typ er eigentlich sei. Und er sagt: Ein Slacker. Und kneift die Augen zusammen. Und lacht wieder.

 

Steuern eintreiben. Romane schreiben.

Früher einmal, da war Rick Yancey Steuereintreiber, aus Zufall, behauptet er. Nachhaltige Beachtung erwarb er sich mit seinem Buch Geständnisse eines Steuereintreibers. Die New York Times bezeichnete es als »eines der fünf besten Bücher über Steuern«. Danach verlegte er sich auf Detektivromane für Erwachsene und Jugendliche.

 

Rick Yancey steigt bei Der Monstrumologe mit einem alten Trick ein: Jemand findet alte Aufzeichnungen, behauptet, sie seien unglaublich, und legt sie dann dem Leser vor, damit der für sich entscheiden soll, ob das alles jetzt wahr ist oder nicht. Es ist die Geschichte von Henry James, einem Waisenkind, dass von einem Professor der Monstrumonologie aufgenommen wird. Sein erster Fall ist eine Herde Anthropophagen, also Menschenfleischfresser. Die Lösung dieses Falles wird den Professor und Henry James tief in ihre eigene schmerzhafte Vergangenheit führen ...

 

So holpern die ersten Seiten vor sich hin

Das ist alles gut und schön, würde das Buch nicht im Jahr 1888 spielen und Rick Yancey versuchen, die Sprache daran anzugleichen. Er macht so etwas normalerweise nicht: Seine anderen Bücher, die Detektivbücher für Erwachsene und Jugendliche, aber auch sein Steuereintreiberbuch, sind alle eher flapsig und in aktueller Sprache gehalten. Die verstaubten 19. Jahrhundert-Sätze, die Yancey versucht zu bauen, liegen ihm einfach nicht. Und so holpern die ersten Seiten so vor sich hin, ergehen sich so lange in Aus- und Abschweifungen, bis endlich das erste Anthropophagen-Gemetzel beginnen kann, so lange, bis es endlich blutig wird, und das Buch ein bisschen an Fahrt aufnimmt. Aber dann ...

 

Denn wenn Yancey eines gut kann, ist es, sich wirklich ekelerregende Dinge auszudenken, wie beispielsweise überfette, nackte Menschen, die von innen heraus von Maden zerfressen werden. Und wenn geschraubte 19. Jahrhundert-Sprache etwas zu leisten vermag, selbst in ihrer simulativen Jugendbuch-Schwundstufe, dann ist es, genau diese ekligen Dinge bis zum bittersten Detail auch zu beschreiben.

 

Die schlimmste Gefahr ist immun gegen Handgranaten

Schön ist auch, dass Der Monstrumologe zu einer Buchreihe werden soll. Das zweite Buch, The curse of the Wendigo, ist in den USA bereits erschienen. Denn so holprig die Sprache streckenweise auch ist: Das Buch ist wirklich catchy! Weil es eben ein gutes Stück anders ist als eine Reihe wie etwa Harry Potter: Natürlich, Harry hat Probleme damit, dass er ein Waisenkind ist. Dem Protagonisten des Monstrumologen hingegen tut es richtig weh. Harry Potter ist ein bisschen blutig. Henry James watet bis zu den Knien in Leichen. Harry Potter pubertiert ein wenig. Henry James muss ununterbrochen existentielle Fragen von Gut und Böse, von Richtig und Falsch mit sich ausfechten, Fragen auf die es kaum Antworten gibt.

 

Es gibt in dieser Welt keine Helden, keine netten Protagonisten - die Welt des Monstrumologen ist dunkel. Und die schlimmste Gefahr sind nicht die Monster, es sind die Menschen und die Dämonen, die in ihrem Inneren wohnen. Dämonen, die man nicht mit ein paar handgranatenbestückten Männern und Winchesters bekämpfen kann. Und genau das macht die Monstrumologen-Reihe wirklich außergewöhnlich. Denn wer ist schon Lord Voldemort, wenn man mit so einem Kaliber wie Nietzsche klarkommen muss?


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