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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:45

Agnes Hammer: Dorfbeben

08.11.2010

Ernten, was man gesät hat

Alte Sünden werfen lange Schatten, was lange währt, wird dadurch noch lange nicht gut. Wer sich jedoch in den Schatten begibt, um Licht hinein zu bringen, läuft Gefahr, darin umzukommen. Agnes Hammer spinnt eine faszinierende Geschichte von den düsteren Seiten eines stillen Dorfs. Von MAGALI HEISSLER

 

Mattes ist neunzehn, er lebt bei seiner Großmutter in einem kleinen Dorf im Siegtal. Stille ist wichtig für Mattes, denn sein Hörvermögen ist überdurchschnittlich gut entwickelt. Zu viele Geräusche auf einmal können akute Stressanfälle und Orientierungslosigkeit bei ihm auslösen, ‚Seelentaubheit’ nennt er es. Andere nennen ihn behindert. Mattes wäre am liebsten Musiker, Brian Molko, z.B., eins seiner großen Vorbilder. Seine Liebe zu Musik lebt er mit einer kleinen Band aus, für die er auch komponiert. Korrekt gesprochen komponiert er für Vane, die Bassistin der Gruppe. Sein Anderssein hat Mattes aber auch extrem schüchtern gemacht und so wenig, wie er sich aus dem sicheren Dorf traut, traut er anderen zu, ihn zu lieben. Am ehesten befreundet ist Mattes mit dem jungen Dorfpfarrer Achim, der ihn auch als Organist beschäftigt.

 

Ablenkung kommt in sein Leben, als seine nur wenig ältere Tante Lena zu ihnen zieht. Lena, mit einem ähnlich guten, aber kontrollierten Hörvermögen ausgestattet, arbeitet als forensische Linguistin, hat jedoch ihre Stelle verloren. Bevor das Zusammenleben richtig begonnen hat, wird während eines Gemeindeausflugs, dem sich Mattes und Lena eher unwillig angeschlossen haben, ein Nachbar erstochen. Die kleine Dorfgemeinschaft ist tief erschüttert.

 

Die Erschütterung ist nichts gegen das, was geschieht, als Lena, in einer gefährlichen Mischung aus Langeweile, nachbarschaftlicher Neugier und gekränktem Stolz aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit, beschließt, herauszufinden, wer hinter dem Mord steckt. In ihrem Leichtsinn stolpern die beiden in ein tückisches Netz verworrener Beziehungen unter den Dorfbewohnern, dessen stärkste Fäden bis weit in die Vergangenheit reichen. Ehe sie es merken, sind sie gefangen, und schließlich ist es allein an Mattes, sich dem zu stellen, was er am meisten fürchtet.

 

Bis in dritte und vierte Glied?

Es ist schade, dass der Verlag diesen Jugendroman mit dem Etikett ‚Thriller’ versehen hat. Diese Geschichte ist alles andere als die voyeuristische Zurschaustellung blutrünstiger Rituale, nur dazu gemacht, das Ganze in Verwechslung mit echter Spannung höchsteilig herunterzulesen. Wählte man ein Genre, wäre klassischer Kriminalroman angebrachter, denn Hammer ist mutig genug, ihre Leserinnen und Leser in aller Gelassenheit auf eine traditionelle Spurensuche zu führen. Es ist eine Schnitzeljagd durch herbstliche Gärten, abgeerntete Felder, in alte Häuser und damit in alte Geschichten, die tief verborgen in den Herzen der Menschen ruhen, denen man hier begegnet. Vergangenheit und Gegenwart, drei Generationen treffen aufeinander, was sie verbindet, wird nur langsam enthüllt. Aufmerksames Lesen ist gefordert, für die nicht ganz einfachen verwandtschaftlichen Beziehungen ebenso, wie für die Schnipsel aus der Zeit zwischen 1944 bis in die 1980er Jahre, die in den Text eingestreut sind und aus denen sich allmählich das Motiv für die Tat herauskristallisiert. Wer schnell liest, ist rasch verloren, wobei die Autorin ihre Absichten selbst stark gefährdet durch die immense Spannung, die sie bereits nach knapp zwanzig Seiten allein durch die einfühlsame Charakterisierung ihrer Personen aufgebaut hat.

 

Seelentaubheit

Das Buch ist aber weit mehr als ein Kriminalroman. Hammers Personen sprühen vor Leben, sie wirken überzeugend noch in ihren verrücktesten Auftritten, die Lebensläufe sind mit hohem Verständnis für psychologische Feinheiten ausgearbeitet, gleich, ob es der junge Pfarrer, ein überfrommes Gemeindemitglied oder ein Neunzehnjähriger in Liebesnöten ist. Vom Mörder ganz zu schweigen.

 

Es ist daher nicht die Mörderjagd, so gelungen sie auch beschrieben wird, die dieses Buch zu etwas Besonderem macht. Das Besondere ist das gewählte Thema. Es geht um Schuld und um die Frage, ob Schuld überhaupt gesühnt werden kann. Es ist eine klassische Frage, sie wird hier vor einem kulturell christlichen Hintergrund durchgespielt, ohne allerdings in den Antworten in dieser Hinsicht gebunden zu sein. Die‚Seelentaubheit’ ist ein treffendes und erschreckendes Bild dafür, was das Gefangensein zwischen Schuld und Abbüßen der Schuld aus Menschen machen kann.

 

Die gewählte Jahreszeit, Ende Oktober über Allerheiligen bis zum Martinsfest bilden einen perfekten Rahmen. Düsternis, Tod, Sünde auf der einen, goldener Herbst, hell loderndes Martinsfeuer und junge Liebe auf der anderen Seite und zugleich beides ineinander verflochten. Keine der Personen des Buchs ist schuldlos, wer mit anderen Menschen lebt, wird schuldig an ihnen, ist eine klare Aussage. Dass man mit solcher Schuld leben muss, eine andere. Wie notwendig Vergeben für eine Gemeinschaft ist, eine dritte. Dass am Ende mehr Fragen als Antworten bleiben, macht das Buch modern.

 

Begleitend dazu gibt es Musik, Pop, Rock, biedere Dorfdisco, Jazz, die Klänge der Orgel. Und immer wieder die Stimmen der Menschen, in den Küchen und Wohnstuben, auf Lenas Tonbändern, in Mattes’ Kopf. Es überrascht, wie viele Klänge dieses so stille Buch in sich trägt. Bedauerlich nur, dass einem das in der Gegend heimische Platt so völlig vorenthalten wird. Diese Tonart fehlt und man spürt die Lücke. Das Buch richtet sich ohnehin an geübte Leserinnen und Leser, ein wenig Platt in all dem Hochdeutsch hätten sie vertragen.

 

Rundum getroffen ist die Atmosphäre. Herbstzeit, Erntezeit, das Motiv des Erntens ist sehr geschickt eingewoben, egal ob es um Kartoffeln oder das Ergebnis einer falschen Entscheidung geht.

‚Dorfbeben’ ist trotz des schwachen Titels ein wunderbarer Herbstroman, für eine Zeit, in der man sich ansieht, was aus dem geworden ist, das man gesät hat, in der man Rechenschaft ablegt, ablegen muss. Traurig und warm leuchtend zugleich.


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