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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:50

William Boyd: Einfache Gewitter

08.11.2010

Spezialist der Funktionsprosa

Können ist nichts, Schnitt ist alles. Von JAN FISCHER

 

Manchmal, da fällt einem als literarisch annähernd gebildeter Mensch ein Buch in die Hand, wie man es sonst nicht liest: Da hat kein Autor seine eigene Sprache gesucht und gefunden und bläst einem damit den Kopf weg, hat nicht versucht, eine soziopolitisch-gesellschaftlich relevante These in eine klug drumrum gebaute Handlung zu bauen, hat nicht versucht, irgendetwas zu tun, damit sein Buch die hohen Weihen eines wahrhaft literarischen Werks bekommt, was auch immer das sein mag - Trash hat er auch nicht versucht. Das Eigenartige und Einzigartige an dem Buch ist vielmehr: Es funktioniert trotzdem.

 

Sichtbare Schweißnähte

Dan Browns Sakrileg ist so ein Buch. Es ist leicht über Browns schlechte Schreibe zu lästern oder über seine bekloppt zusammengeklaute Handlung oder über seine Charaktere, die so nachlässig zusammengeschraubt sind, dass man die Schweißnähte noch sieht. Das Buch ist trotzdem ein page-turner und die Verkaufszahlen zeigen, dass es einem allein so geht. Und zu erfassen, warum das so ist, ist viel, viel schwerer als zu lästern.

 

Seiten blättern sich von selbst um

Boyds Einfache Gewitter ist auch so ein Buch. Nicht, dass man es ansonsten mit Sakrileg vergleichen könnte, aber die Seiten blättern sich hier wie dort sozusagen von selbst um: Der Klimaforscher Adam Kindred wird in London des Mordes an einem Allergologen verdächtigt wird, der ihm vor seinem Tod noch wichtige Dokumente überlässt, die eine große Pharma-Firma in die Knie zwingen könnten. Und dann untertaucht, um als Penner in einem verwilderten Stück Land zu leben. Und mit Nutten, Auftragskillern, der Polizei und natürlich der Pharma-Firma fertig werden muss, die wiederum versucht, mit der Weltwirtschaft fertig zu werden. Undsoweiter: Allerschönste Funktionsprosa.

 

Aerodynamische Werke

Einfache Gewitter ist nur das letzte in einer langen Reihe von Boyds leicht literarisch angehauchten Thrillern aus dieser aerodynamischen englischsprachigen Schule der Spannungsliteratur. Sein größter Coup war die fiktive Biographie des Künstlers Nat Tate, die von vielen für bare Münze genommen wurde und für einen kleinen Skandal sorgte, als herauskam, dass Nat Tate nie existiert hatte. Funktionsprosa auch im realen Leben, könnte man sagen - Boyd ist ein Spezialist dafür.

 

Brechungen nach Schema F

Es ist auch bei Einfache Gewitter leicht, das große Lästern zu beginnen: Adam Kindred stolpert traumwandlerisch wie vom Autor an der Schnur geführt in seine Bredouille, die – für eine saubere Handlung – ein oder zwei Zufälle zuviel voraussetzt. Oder eigentlich alle Charaktere, die nach Schema F gebrochen sind: Die Nutte arbeitet in ihrer Freizeit bei einer Armenspeisung. Der Chef der Pharma-Firma ist böse, aber auch ein verunsichertes Würstchen. Sein Neffe, ein Lord, ist verarmt und und arbeitet an einem dubiosen T-Shirt-Deal. Oder die ganze, reißerische Handlung mit internationalen Pharma-Konzernen, die, so kann man vermuten, auch gerne die Weltherrschaft an sich reißen würden und dafür über die Leichen von Kindern gehen.

 

Stromlinienförmig und hochgezüchtet

Andererseits: Das Buch hat 445 Seiten und man kann es während einer langen Zugfahrt durchlesen, ohne sich auch nur einmal über die handwerklichen Schwächen zu ägern. Weil sie nichts ausmachen. Weil es egal ist. Denn Spannung – Stephen King kann das ganz ausgezeichnet, Dan Brown auch – ist, neben einigermaßen brauchbaren Charakteren, hauptsächlich Schnitt, die hohe Kunst der Informationsvergabe. Und das beherrscht Boyd. Einfache Gewitter ist ganz einfach ein Buch, das auf jeder Ebene hochfunktional ist, ein stromlinienförmiges Ding, in den Labors der spannungsgeladenen Funktionsprosa hochgezüchtet: schnörkelloser Stil, Charaktere, die wirklich nur das Nötigste an Persönlichkeit aufweisen, die Handlung, die immerhin einen ganz geringen Grad an in der Wirtschaftskritik verwurzelter Relevanz aufweist, und eben dieser fiese Trick mit der Schnitttechnik, die mehr als nur bei der Stange hält: Sie trägt das ganze Buch. Und zwar problemlos.


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