Guy Helminger: Neubrasilien
08.11.2010
Irrungen, Wirrungen
Luxemburg zwischen gestern und heute, zwei Familien und ihre Schicksale - die einen wollen weg, die anderen kommen an. Guy Helminger schildert Migration aus zwei zeitlich versetzten Blickwinkeln, und das Großherzogtum ist Ausgangspunkt dieser Irrungen und Wirrungen. Von HARTMUTH MALORNY
Guy Helmingers Neubrasilien beschäftigt sich mit dem ewigen Thema der Emigration. Wer aus seinem Land fort will, hat gute Gründe, er sucht einen besseren Platz. Was für ein Unterfangen es vor 170 Jahren war, zeigt das Schicksal der Josette Kaljevic. Sie und ihre Familie hören vom fernen Brasilien und davon, dass der „Kaiser Dom Pedro” jedem Emigranten ein Stück Land und Steuerbefreiung verspricht, denn gerade darunter leiden die Bürger im alten Europa, wo alles im Umbruch ist und Luxemburg noch kein unabhängiges Großherzogtum darstellt, sondern von Preußen und den Niederländern drangsaliert wird.
Helminger, selbst gebürtiger Luxemburger, berichtet parallel von zwei Familien, die – obwohl zeitlich getrennt – eine gewisse Affinität aufweisen, was den Plot des Buches bestimmt: in wechselnden Zeitebenen springt er von der heutigen Flüchtlingsproblematik in eine historische Zeit zurück. Es ist ein Roman über die Suche nach einem besseren Dasein. Wenn nämlich der Ort, an dem man lebt, kein Ort mehr zum Leben ist, muss man einen anderen finden. Der Autor hat gründlich recherchiert, Sprache und Duktus seiner Figuren geben ein stimmiges Bild, was sich besonders in den Beschreibungen des Alltags am Anfang des 19. Jahrhunderts zeigt.
Zwischen 1828 und 1999
Der eine Handlungsstrang beginnt im Jahr 1999, als die 10-jährige Tiha und ihre Mutter Biljana von Schleppern in Esch-Alzette/Luxemburg am Bahnhof abgesetzt werden. Der Bürgerkrieg, also der Zerfall Jugoslawiens, hat viele Menschen zur Flucht gezwungen, so auch Mutter und Tochter aus Montenegro, die nun vier Jahre lang auf Einbürgerung oder Abschiebung warten.
Die zweite Geschichte beschreibt den Versuch der Bauernfamilie Meier, Hof und Land zu verhökern, um sich guter Dinge im Jahre 1828 auf den beschwerlichen Weg nach Bremen zu machen, angelockt von den Versprechungen und dem Ehrgeiz, in Brasilien ein besseres Leben zu führen. Sie sind nicht alleine, schon damals verdienten Schlepper am Elend der anderen und verbreiteten Nachrichten über Länder und Kontinente, in denen Milch und Honig fließen. Aber die Familie schafft es nicht, Brasilien, respektive der König, stoppt die Zuwanderung. „Es gibt kein Schiff mehr nach Brasilien”, sagte Marc, „jetzt erzähl es ihnen endlich. Wir sind betrogen worden.”
Neubrasilien in Bretterbuden
Der solide Schreibhandwerker Helminger hat das richtige Gespür für die emotionale Ausformung seiner Figuren, er wirkt nicht wie ein kühl distanzierter Erzähler und es ist natürlich Absicht, diesen subtilen Bogen durch die Kapitel zu spannen. Sie vermitteln das Gefühl, dass die Meiers und Kaljevics nicht nur das gleiche Schicksal teilen, sondern auch ihre Gene.
Für das Mädchen Tiha Kaljevic ist Luxemburg eine neue Welt und die Emigration ihr erstes Abenteuer: Es findet sich zurecht und lernt die fremde Sprache schneller als Vater und Mutter. Tiha schließt Freundschaft mit Charlotte Hoschert, der Tochter einer Gewerkschaftlerin und eines Bildhauers, und so kommen sich auch die Luxemburger und die Montenegriner näher, während alle Beteiligten den Entscheidungsprozess verfolgen, der ihr Leben ein zweites Mal verändern kann und entweder im Bleiberecht oder in einem „annule” enden wird.
170 Jahre früher kehren Josette, ihr Freund Nicolas und die anderen Ausreisewilligen von Bremen zurück ins Heimatdorf Wahl, und weil sie Brasilien nicht erreicht haben, weil sie die typische Ausgrenzung der Gescheiterten erfahren und mittellos sind, hält man sie auf Distanz, verwehrt ihnen nun die dörfliche Gemeinschaft und nennt ihre armseligen, in der Nähe errichteten Bretterbuden Neubrasilien. Vielen fehlt es jetzt an Energie und Geld, doch Josette und Nicolas beschließen: „Die Gegend heißt Montenegro (...) schwarzer Berg (...)” – „Lass es uns probieren”, sagte Nicolas zu Josette. „Wenn wir nicht so weit kommen, bleiben wir eben woanders.”


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