Stefan Schwarz: Hüftkreisen mit Nancy
15.11.2010
Klischee ist, wenn die Masse lacht
Stefan Schwarz bückt sich und ist auf Augenhöhe mit Oliver Pocher. Von STEFAN HEUER
Hinter vielen Dingen muss ich herlaufen, muss sie mehrfach anmahnen und einfordern, das Spektrum reicht da von Beleg-Exemplaren über Handwerker bis hin zu meinem Sohnemann, der ruhig mal wieder unter seinem Bett aufräumen könnte. Was könnte es also Schöneres geben als ein Abonnement. Knapp 80% der Deutschen teilen diese Einschätzung und haben abonniert: Premiere, Tageszeitungen, Blogs. In meinem Fall ist es seit einigen Jahren "Das Magazin", die 1924 in Berlin gegründete Monatszeitschrift, die mit einer zeitlosen Melange aus guter Story, Bilderrätsel, Aktfotografie und Reportage aufwartet. Selbst die Kontaktanzeigen haben mehr Stil und Unterhaltungswert als andere Zeitschriften, die Glamour versprechen und dann doch nur neue Trendfrisuren, neue Wunderdiäten (das ganze Hirn weg, in nur 3 Stunden), angebliche Mode-must-haves und das obligatorische Horoskop bringen.
Die abgedruckten Leserbriefe zeigen, dass ich einer von vielen bin, die beim Eintreffen eines neuen "Magazins" oft noch am Briefkasten die letzte Seite aufschlagen, denn dort befindet sich die Kolumne von Stefan Schwarz, in der er unter Titeln wie "Strolchi & Spaßi", "Fuchsteufelsmild" oder "Wenn Pakete auspacken" die Alltagserlebnisse eines zweifachen Familienvaters zum Besten gibt. Nachdem diese Kolumnen bereits in drei Sammelbänden erschienen sind, wechselt Schwarz nun Form und Verlag und veröffentlicht mit "Hüftkreisen mit Nancy" im Rowohlt Verlag seinen ersten Roman.
Kopie und Alltagsnummer?
Hüftkreisen mit Nancy entpuppt sich schnell als eine auf 252 Seiten aufgepumpte Kopie, die nur wenig Anstalten macht, sich von den Kolumnen zu unterscheiden. Der 42-jährige Ich-Erzähler befindet sich in der vermeintlichen Sackgasse der Midlife-Crisis: Kommt da noch was, oder war’s das schon? Max Krenke, seit 10 Jahren verheiratet und zweifacher Vater ist, verdient seine Brötchen als Redakteur für Nachrichten und Promi-Klatsch bei einem kleinen Sender – und das bedeutet, dass er sich mit abgehalfterter D-Prominenz oder Top-Themen wie vereitelten Kirschtorten-Attentaten auf den Ministerpräsidenten herumschlagen muss.
Alles nur mäßig aufregend – und das findet eine Entsprechung in seinem Sexualleben, das aus einer wöchentlichen Standard-Nummer mit Ehefrau Dorit besteht, die ihn zu allem Überfluss auch noch dadurch seiner Männlichkeit beraubt, dass sie anschließend vor ihm einschläft. Der Wunsch nach mehr erzeugt bei ihm selbst Unsicherheit, denn eigentlich ist er mit seiner Ehe ganz zufrieden, nur die Hormone eben – und wäre da nicht dieses dumme Gefühl, eventuell etwas zu verpassen. Als sein Chef ihn wegen eines angeblichen sexuellen Übergriffes auf die bereits erwähnte Tortenwerferin beurlaubt und ihm wieder das "Sie" anbietet, wird ihm bewusst, dass sein Leben endgültig dabei ist, aus dem Ruder zu laufen: „Wichtig war nur, dass ich wieder der Präsident meines Lebens wurde, der Herr meiner Sinne und Kapitän meines Herzens.“
Ein Dompteur von Leoparden und Mauleseln
Attraktiv für sich selbst, attraktiv für andere – so führt ihn sein erster Weg in das Fitness- und Kampfsportstudio Niekisch, ein Zentrum für Realistische Selbstverteidigung, wo er umgehend auf die titelgebende Nancy trifft, die ihn nicht nur mit ihrer Theorie, seine gesamten Ängste seien in der Stellung seines Beckens begründet, sondern auch mit ihrer hervorblitzenden Leoparden-Unterwäsche und ihrer Vorliebe für Burleske konfrontiert.
Eine interessante Konstellation, aus der man richtig was hätte machen können, aber Stefan Schwarz schlägt alle Möglichkeiten in den Wind und bleibt, anstatt seine Leserschaft (und vielleicht auch sich selbst) zu überraschen, in seinem kolumnenerprobten Fahr- und Sprachwasser.
Dass sämtliche Charaktere (von der Gleichstellungsbeauftragten über den Chef bis hin zu den Besuchern des Fitness-Studios) klischeemäßig überladen sind wie ein Maulesel zur Hauptsaison und dadurch unglaubwürdig werden, geht mit Magenschmerzen noch durch. Viel schlimmer und störender ist, dass Schwarz an vielen Stellen in eine Sprache verfällt, die auf Biegen und Brechen und auf Teufel komm raus lustig wirken will, dann aber nur albern bleibt. Essen wird da „backenprall gemümmelt", im Kindergarten reicht man die „moppelige Kita-Erzieherinnen-Hand" und so geht es weiter – lauter Dinge, über die eigentlich nur Menschen lachen, die sogar in Oliver Pocher den echten Gecken erkennen. Manchmal ist weniger deutlich mehr, auch einem Lektor dürfte so was ruhig auffallen. Dabei gibt es viele sehr schöne Sätze, in denen ein ganz anderes Potential zu erkennen ist, aber leider sieht es Schwarz als seine Pflicht an, jeden schönen Satz mit einem Späßchen zu brechen, und so dauert es nicht lange, bis wieder „Lungenflügel patschen" und „Herzen kobolzen".
Hüftkreisen mit Nancy ist ein mittelschwerer Rohrkrepierer, eine vergeudete Chance, geschuldet dem Versuch, eine aufs Detail pointierte Monatskolumne auf Romanlänge zu bringen. So verbleibt das Buch auf dem vorhersehbaren, harmlosen Niveau eines Tommy Jaud – ein Umstand, der wahrscheinlich für gute Verkaufszahlen sorgen wird.


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