R. Bossert: Ich steh auf den Treppen des Winds / H. Samson: Und wenn du willst, vergiss
09.11.2010
Ich steh auf den Treppen des Winds (Und wenn du willst, vergiss)
Gedichte
: satte Piranhas küssen die blauen Nachtigall-Fische
am tollsten Kadaver der Ideologien
Rolf Bossert
Von THEO BREUER
Ich fiebre Rolf Bosserts gesammelten Gedichten in Ich steh auf den Treppen des Winds entgegen, die Gerhardt Csejka 2006 herausgab und die der Postbote zusammen mit einem Brief Hans Benders überreicht. Rolf Bossert (1952–1986), von dem Name und einzelne Gedichte (gelesen, beispielsweise, in Der Große Conrady und Hans Benders Was sind das für Zeiten) mir seit Jahren geläufig sind, dem ich aber bis heute, wie, beispielsweise, auch Horst Samson oder William Totok, nicht die Aufmerksamkeit schenkte wie anderen rumänendeutschen Dichtern, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben: Klaus Hensel · Franz Hodjak · Johann Lippet · Georg Maurer · Herta Müller · Oskar Pastior · Carmen Elisabeth Puchianu · Dieter Schlesak · Klaus F. Schneider · Werner Söllner · Ernest Wichner · Richard Wagner, deren Gedichtbücher und Romane mich seit vielen Jahren begleiten.
Ich entferne den Schutzumschlag, lege ihn in den dafür umfunktionierten, fast vollen Schuhkarton, in dem ich die Umschläge sammle, denke an Herta Müllers lyrischen, mich in den Träumen der Frühmorgenstunden verfolgenden Roman Der Fuchs war damals schon der Jäger: An der Ecke, an der dicken rostigen Drahtrolle, kriecht eine Rostschliere über den Weg, höre die Echos der Böller und Kracher, die mir noch aus der Nacht in den Ohren dröhnen, als ich, bei herabgelassenen Rolläden im Wohnzimmer sitze und die letzten Seiten von Paul Austers Roman Invisible lese.
Weihnachten 1973 und Weihnachten 1984 sind die Titel der Gedichte von Rolf Bossert auf den Seiten 11 und 244, die unmittelbar Erinnerungen wachrufen an den vierten Advent am 20. Dezember 2009 in der 1260 erbauten Pfarrkirche von Bürvenich (wo ich an Karfreitag 1956 geboren wurde), in der ich gemeinsam mit der Bürvenicher A-cappella-Gruppe einen Lieder-Lyrik-Abend gestaltete, bei dem die rund zweihundert anwesenden Menschen, in diesem über die Jahrhunderte von Choral, Gebet, Gesang, Litanei, Orgelspiel und Psalm durchwobenen Resonanzraum gleichsam zu einer Gestalt verschmelzend, Gedicht- und Liedgut aus tausend Jahren erlebten: Und es schweifen leise Schauer / Wetterleuchtend durch die Brust.
Andreas Altmann mit Das zweite Meer (brillant, wie Altmann mir durch die Hinzufügung eines einzigen Buchstabens über den längst zum Klischee erstarrten Topos hinaus zum weiten, weiten Blick verhilft) und Michael Basse mit skype connected (wir lesen mitunter sogar gedichte), beide in der merkwürdigen Zeit ›zwischen den Jahren‹ gelesen, zeigen, daß die Lyrik 2010 eindrucksvoll weitermacht. Meine tiefergehenden Gedanken und Empfindungen bleiben bei Rolf Bossert und den Gedichten in Ich stehe auf den Treppen des Winds, die mich, seit ich sie in einem Zug gelesen habe, nicht mehr loslassen:
Mein gläserner Blick,
zu neuer Tiefe geschärft, bohrt sich
ein Grab ins Laubwerk.
Die Bäume stehn still
auf der anderen Seite der Straße.
Gerhardt Csejkas Nachwort endet mit den Worten und das Fenster am Ende des Flurs steht offen. Mich fröstelt.
Zuversicht
In Saloniki weiß ich einen, der mich liest, und in Bad Nauheim. Das sind schon zwei.
Günter Eich
Und wenn du willst, vergiss
Am 23. September 2010 ist es auch mit Horst Samson soweit. In der Lyrikzeitung lese ich in Artikel 90 vom 22. September schmunzelnd, daß Michael Gratz mich indirekt als ersten Leser des Buches bezeichnet, woraufhin ich den Lyrikband direkt beim Verlag bestelle. Und schon flattert, gleich am nächsten Tag, Und wenn du willst, vergiss mit Gedichten aus den Jahren 1981 bis 1994 ins Haus. Ach, nein, das Buch flattert ja gar nicht ins Haus: Als der Postbote kommt, stehe ich auf der Leiter und streiche an einer Hauswand rum (das ist gleichsam mit Algen balgen), und die Büchersendung liegt mit einigen Briefen und einem großen Paket, das ich für den Nachbarn annehme, erst einmal draußen im Wind ···
Ich liebe es, Lücken in meiner Büchersammlung zu schließen, und so wird Horst Samson noch heute in der Nachbarschaft von, beispielsweise, Werner Söllner, Lutz Seiler oder Ludwig Steinherr stehn.
Die Wand ist gestrichen, die Lektüre der Gedichte Samsons kann beginnen. [Idealer Alltag sieht oft so aus: Er beginnt ganz früh / endet möglichst spät mit Lesen, das gleichsam die Grundierung meines Tagesbilds ist, an einem Essay oder Gedicht bosseln ist natürlich immer gut und gedeihlich, zwischendurch Arbeit im Garten oder Reparaturen im und am Haus, davor, danach, wann immer es eben möglich ist: lesen, dazwischen: E-Mails schreiben, Telefongespräche mit Hans Bender, Axel Kutsch, Andreas Noga, Maximilian Zander und anderen schreibenden Menschen, dann wieder lesen, gern auch ein Spaziergang, eine Begegnung oder, wenigstens einmal die Woche, Fußballtennis, anschließend wieder lesen, usw. Das alles am liebsten bei Regen, aber heute scheint die Sonne, und das ist auch gut.] Und wenn du willst, vergiss ...
Schwedeneck
Saukalter Wind zerbrach
Bäume. Kein Stern
Leuchtete, alle Sicherungen
Waren durchgebrannt.
Gott fluchte über dem Meer und schrie
Nach einem Elektriker,
Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir
Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen.
Horst Samson
Der Schriftsteller und Journalist Horst Samson
Am 28. September, 5 Tage nach der (trotz immer wieder düster dräuender Wolken, die die lakonischen, lockeren, luftigen Verse naturgemäß und notgedrungen durchziehen) erfrischenden und begeisternden Lektüre, kommt eine Büchersendung mit dem Absender Horst Samson. (Offenbar hat Michael Gratz ihm empfohlen, mir das Buch zu schicken.) Ich bin verblüfft, bislang hatten wir keinerlei direkten Kontakt. Ich ahne es schon, und ich behalte recht: Ich finde Und wenn du willst, vergiss vor, und nachdem ich den beiliegenden Brief gelesen habe, stehe ich erst einmal bloß da, stirnrunzelnd schmunzelnd. Samson schreibt:
Ich bin – nach Günter Eichschem Vorbild – mit einem Teil meines „Frühwerks“ seit einiger Zeit auf Lesersuche. Das klappt schlecht. Ich gebe das zu, denn obwohl ich durchaus bereit bin, meine Bücher sogar zu verschenken, will sie kaum einer haben. Ich kann das verstehen, wenn ich es auch nicht verstehe. Klar ist mir auch in diesen Jahren des Exils nicht entgangen, dass das Leben hier im Westen vor allem ein Kampf ist, ein Kampf gegen den Staub und das Papier und die Lyrik.
Spontan wähle ich Samsons Nummer in Neuberg und höre die automatisierte Stimme eines Anrufbeantworters. Am späten Nachmittag erreiche ich Samsons sehr freundliche Frau, mit der ich mich angeregt über Lyriker (vor allem Horst Samson) und Lyrik (vor allem Horst Samsons Gedichte) unterhalte. Danach lese ich viele Gedichte in Und wenn du willst, vergiss ein zweites Mal. Der Abend ist bereits jetzt gerettet. (Was morgen sein wird, darauf pfeif ich in diesem Augenblick mit dem Wind, der durch Bosserts und Samsons Verse weht, und vergessen wird hier gar nichts. Jedenfalls nichts Lyrisches.)
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