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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:54

Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter

08.11.2010

Grausame Geschichten

Und der Doktor sitzt dabei und gibt ihm bitt’re Arzenei. Um einen der kleinen Patienten dabei zu beruhigen, entwarf der Frankfurter Kinderarzt Heinrich Hoffmann oft Bildgeschichten und Verse. Wenn sie denen des Struwwelpeter ähneln, waren die Kinder vielleicht mehr von Grauen gebannt als beruhigt. 1844 verfasste Hoffmann den Struwwelpeter als Weihnachtsgeschenk, unzählige Male wechselte es in Interpretationen, Adaptionen und Parodie seine Gestalt. Die Faszination des buchgewordenen Kinderschrecks aber ist zeitlos. Von LIDA BACH

 

Die Tiger Lillies komponierten nach Hoffmanns Werk ihre schaurig-schräge Junk-Opera Shockheaded Peter. Das Berliner Gorki Theater trägt das Stück der Moritaten-Tenöre in seiner aktuellen Spielzeit als jugendfreies Grusical vor. Reimerich Kinderlieb stand 165 zuvor über der Erstausgabe. Ein Sammlung in drolligen Versen erzählte Bildergeschichten für Kinder, eigentlich aber für die ganze Familie, damit sie sich gemeinsam daran erquicke. Sein Geschenk an die Welt hatte der Autor, der sich selbst nie als Schriftsteller gedacht hatte, zuvor seinem dreijährigen Sohn auf den Gabentisch gelegt. „Die Wirkung auf den Knaben war die erwartete.“

 

Das Gegenstück zum Struwwelpeter sind nicht die diversen Anti-Struwwelpeter oder gar Struwwelliesen, sondern Alice im Wunderland und Durch den Spiegel. Frei von Mahnung oder Moral karikiert Lewis Carolls Werk in den Bewohnern von Wunderland und Spiegelwelt, die Erwachsenen als pedantisch, phlegmatisch und besserwisserische (die verrückte Teegesellschaft), arrogant bis zur Selbstherrlichkeit (Humpty Dumpty), überempfindlich (die sprechenden Blumen) und drakonisch strafend (Herzkönigin). Die gleichen Eigenschaften vertreten die Autoritätsfiguren in Hoffmanns Buch, hier jedoch als Ideal gegenüber den ungebärdigen Kindern. Nichts sei schrecklicher als die Mitleidlosigkeit anderer gegenüber dem eigenen Leid, kommentierte Shirley Jackson einmal ihre Erzählung Die Lotterie. Diesen Schrecken verkörpern Hoffmanns Autoritätsfiguren, die gleichgültig bleiben, wenn Kinder sich zu Tode hungern, verstümmelt werden oder stürzen.

 

„Suppenschüssel ist entzwei und

Und die Eltern stehn dabei.

Beide sind gar zornig sehr,

Haben nichts zu essen mehr.“

 

Chaos im Biedermeierzimmer ist eine Katastrophe, misshandelte Kinder Kollateralschaden. Hoffmanns Struwwelpetriaden nicht die frühen literarischen Verarbeitungen psychischer Störungen wie Soziophatie (Friederich), ADS (Zappel-Philipp) Pyromanie (Paulinchen) oder Anorexie (Suppenkasper), als die sie gern gesehen werden. Hoffmanns Kinderprotagonisten widerfährt ihr Schicksal für einmalige Unfolgsamkeit oder gewöhnliches kindliches Verhalten. Viele Kinder misshandeln Tiere und Insekten, verweigern bestimmte Speisen, zündeln, wollen nicht stillsitzen und durch Pfützen springen. Sanktioniert werden der Unterschicht zugeschriebene Untugenden gegenüber gutbürgerlicher Sittsamkeit. Darauf verweist die einzige an Erwachsene gerichtete Mahngeschichte vom wilden Jäger. Der Schlaf der Vernunft(begabten) gebiert (kleine) Monster. Da werden Hasen zu Hyänen. Die Autorität wird diebisch belauert. Ein Auge zudrücken kann fatale Konsequenzen nach damaligem Empfinden naturgegebene Machtverhältnisse und Meißner Porzellan haben.

 

Moral und Zeitgeist mag vergehen, die Freude am (Er-)Schrecken vor und mit dem „Struwwelpeter“ bleibt bestehen. Johann Jürgens, der am Gorki Theater in Shockheaded Peter einen der Nachfahren des Bösen Buben spielt, erzählte im Interview von seinem unheimlichsten Kindheitserlebnis. Als er sich in einem dunklen Treppenverschlag versteckte, um jemanden zu erschrecken, bekam er im Dunkeln solche Angst, dass er wieder hinaus gehen musste. Unsterblich wie der lockende Grusel der Dunkelheit ist die brutale Bigotterie des Kinderbuchklassikers.


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