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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 06:55

Laurie Halse Anderson: Wintermädchen

15.11.2010

Federleicht dem Tod entgegen

Wem das Leben zur Bürde wird, möchte sich gerne leicht machen. Am einfachsten scheint es zu sein, wenn man auf den Körper verzichtet, indem man ihm die Nahrung entzieht. Lia und Cassie sind nicht einmal vierzehn, als sie sich auf diesen gefährlichen Weg machen. Ein ewiger Pakt soll ihren Entschluss sichern. Nun sind sie neunzehn und Cassie ist tot. Aber der Pakt wirkt weiter. Glaubt Lia. Von MAGALI HEISSLER

 

Schon wieder ein Roman über Essstörungen bei Teenagern, ist man geneigt zu seufzen, wenn einer dieses Buch unterkommt. Der für das Genre eher ungewöhnliche Titel und die märchenhaft-poetische Covergestaltung aber machen neugierig und - das sei gleich gesagt, dieser Neugier sollte man nachgeben.

 

Wenn die Geschichte einsetzt, sind die beiden Mädchen neunzehn, keine jungen Teenager mehr, sondern sehr junge Frauen. Lia, die Ich-Erzählerin, berichtet aus der fiktionalen Gegenwart und schildert zugleich, wie alles gekommen ist. Rückblenden und aktuelle Ereignisse gehen ineinander über, verschränken sich, werden eins, bis sie das sind, worum es hier geht, Lias Kampf um das Leben.

 

Cassie und Lia lernen sich schon in der Grundschule kennen. Es ist Freundschaft auf den ersten Blick und sie wird eng und enger im Lauf der Jahre. Beide kommen aus sehr gut situierten Familien, die Eltern sind Akademiker, äußerst ehrgeizig, die nur das Beste für die Töchter wollen. Die beiden Mädchen scheinen hilflos in diesem Korsett, beide sind hochsensibel, beide zur Rebellion geneigt, die in diesem Leben im Überfluss ins Leere führt. Dies umso mehr, als der Überfluss ein materieller bleibt. Die Art der emotionalen Unterstützung, die die beiden brauchen, fehlt, und so geraten sie ungeschützt auf die fatale Bahn der Diäten über den Diätwahn bis zur lebensgefährlichen Essstörung.

 

Die Wahrnehmung der Welt trübt sich bei beiden immer mehr ein, der Kampf um Anerkennung durch die Eltern und auf ihren ureigenen Platz in der Welt, wird mehr und mehr zum Kampf gegen den eigenen Körper, der alles Schlechte und Abstoßende darstellt, was man sich nur denken kann. Anderson gelingt es sehr gut, die Komplexität einer solchen Entwicklung bei den beiden Mädchen aufzuzeigen, prominent bei Lia, spiegelbildlich, aber mit individueller Ausprägung, bei Cassie.

 

Zwischen Wahnsinn und Gespensterjagd

Anderson läßt Lia ihre Geschichte so erzählen, dass die Leserinnen stets in nächster Nähe sind, man kann förmlich Lias Herz schlagen hören. Lia ist ehrlich, sie enthält einer nichts vor. Ihre Wut auf die Eltern, ihr Zorn, ihr Hass, ihre Ekelgefühle ergießen sich aufs Papier. Keine Betrügerei, keine Lüge, wenn es darum geht, im Abnehm-Wahn Siegerin zu bleiben, werden verschwiegen. Man sieht alles aus Lias Augen und sie ist alles andere als objektiv.

 

Die nötige Distanz gibt es trotzdem, dafür setzt Anderson das Druckbild ein. Worte oder auch ganze Sätze werden hingeschrieben und dann durchgestrichen, als sei da noch eine andere Lia, die Einschätzungen korrigiert, versucht, zurechtzurücken, was der Wahn suggeriert. Dazu gehört das Zurücknehmen gemeiner Ausdrücke ebenso, wie Lias lauter werdender Schrei nach Nahrung, die sie sich doch immer verbieten muss. Jede Minute ihres Kampfs wird so lebendig.

 

Originell ausgearbeitet sind Lias wachsende Wahnvorstellungen, die sich aus ihrem Schuldgefühl speisen, Cassie in einem entscheidenden Moment im Stich gelassen zu haben. Dafür greift Anderson auf Versatzstücke klassischer Gespenstergeschichten zurück. Sie sind überzeugend genug eingesetzt, dass sich empfindsamere Leserinnen wappnen sollten. Der Horror - auch den enthält dieser Roman - , bleibt dafür den realen Geschehnissen vorbehalten, ein weiterer erfrischender und gescheiter Einfall. Unter diesen Horror fallen Lias nahezu unerträglich schmerzliche Beziehung zu ihrer Mutter, das Versagen ihres Vaters, die genauen Todesumstände Cassies und nicht wenige Unternehmungen Lias.

 

Die Nebenfiguren sind sehr lebendig geraten, obwohl sie konventionell gruppiert sind, sind sie individuell genug gestaltet. Hervorzuheben ist, dass Anderson auf eine Liebesgeschichte verzichtet. Die Rolle, die sie einem gewissen jungen Mann zuweist, ist zeitgemäß und stringent. Hier geht es um Lias Leben und sie muss es sich allein zurückerobern.

 

Sorgfältig konstruiert, schön bis poetisch formuliert (an dieser Stelle muss die feine Übersetzung von Salah Naoura hervorgehoben werden) und sehr gut durchdacht, ist das Buch trotzdem in erster Linie ein Unterhaltungsroman. Von Anfang an wird an die Gefühle der Leserinnen appelliert und die emotionale Anforderung steigert sich in gewaltige Höhen. Die überaus kundige Hand der Autorin macht das aber wett. Und so ist man als Leserin am Ende um eine zwar gefühlslastige, aber ausgezeichnet erzählte Geschichte, vor allem aber um eine beeidruckende Protagonistin, reicher geworden.


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