Kürzlich scrollte ich mich durch die Meldungen der Lyrikzeitung und entdeckte Auszüge aus einem Artikel aus der ZEIT zur zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik, wiedergegeben und gewohnt leidenschaftlich kommentiert von Michael Gratz. Ausgangspunkt war der neue Band von Ann Cotten, überschwänglich gelobt und von allgemeinen Auslassungen zur jüngeren Dichtergeneration, der angeblichen temporären Allmächtigkeit eines Robert Gernhardts sowie den "in der Bastelecke sitzenden Experimentellen" flankiert. Gratz setzte andere Namen dagegen, hinterfragte am Beispiel von Kookbooks das Verhalten einiger Großkritiker, den Trend nicht aufzuspüren, sondern ihn selbst zu erschaffen und machte sich bitter lustig über die superlativistische, keinen Widerspruch duldende Art und Weise, mit der die ZEIT Ann Cotten zur modernen Jeanne d’Arc ausruft.
Ach ja, ich habe den ZEIT-Artikel nicht zur Gänze gelesen, und vielleicht sollte man Milde walten lassen, mehrere Augen zudrücken und es begrüßen, dass eine Zeitung überhaupt Zeilen für die Lyrik opfert, die man auch mit einer Glosse oder einem Was-geschah-vor-20-Jahren-Kasten füllen könnte – aber wahrscheinlich hat Michael Gratz recht und es stünde einem renommierten Medium weitaus besser zu Gesicht, die eigenen Fühler auszustrecken, eigene Perlen zu erspüren, anstatt durch Einstimmen einen Kanon zu initiieren, in dem die Individualität verschütt geht. Nichts wäre dagegen einzuwenden, wenn einmal ein Lyriker ohne Feuilleton-Abo in den Genuss einer ausführlicheren Besprechung käme (zumal der Suhrkamp-Verlag durch die Verleihung des Nobelpreises an Mario Vargas Llosa momentan ohnehin genug – verdiente – positive Schlagzeilen bekommt): Adrian Kasnitz oder Frank Milautzcki zum Beispiel, oder warum nicht Christoph Wenzel. Letzterer hat vor kurzem mit "tagebrüche" seinen zweiten Lyrikband veröffentlicht (nach "zeit aus der karte", Rimbaud).