Der Geist der Stadt wird erfahrbar
Nach wenigen Seiten folgt ein Sprung auf der erzählerischen Zeitachse. Zehn Jahre, so erfährt man, sind vergangen. Der Waisenjunge ist mittlerweile ein Jugendlicher, der auf dem Weg ist, erwachsen zu werden. In Don Gaetano, dem Hausmeister seines Wohnblocks, hat er einen väterlichen Freund gefunden. Don Gaetano stellt in de Luca Romans eine Art Lehrmeister des Lebens dar. Er ist es, der dem Waisenjunge den Weg zum Erwachsensein ebnet und ihm beispielsweise zum ersten körperlichen Kontakt mit einer Frau verhilft. Don Gaetano ist vor allem aber auch so etwas, wie die Seele der Stadt Neapel, die im Mittelpunkt des Romans steht. Die Schilderungen ihrer Schönheit im Schatten des Vesuvs, ihrer archaischen Gesellschaft, die geprägt ist vom täglichen Wechselspiel zwischen Leben und Sterben, durchziehen die Handlung und offenbaren de Lucas erzählerische Brillianz und sein Talent, die Atmosphäre Neapels, jenseits ihrer glänzenden Touristenfassade, erfahrbar zu machen.
De Luca geht in seinem Roman dem Ursprunghaften der Stadt auf den Grund. Zwischen den Zeilen, so scheint es, enthüllt sich ihr Geist und wird für den Leser erfahrbar. Zugleich zeigt sich aber auch, dass eben dieser Geist Neapels eng mit der bewegten Geschichte der Stadt und ihren Bewohnern verwurzelt ist. Immer wieder gibt es Passagen, in denen Don Gaetano über die Zeit während des Zweiten Weltkriegs berichtet, über grausame Erlebnisse, aber auch über den Freiheitskampf der Bewohnern und gute Taten, wie die Rettung eines von den Nazis verfolgten Juden.
In Italien ist Der Tag vor dem Glück längst ein Bestseller ist. Erri de Luca selbst wurde in diesem Jahr mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet. Seine so oft gelobte klare Sprache findet sich in auch in diesem Roman wieder. Er kommt ohne aufgeladene Worte und verschachtelte Satzkonstruktionen aus. Es sind die vielen kleinen poetischen Momente, die de Lucas Erzählstil so ungewöhnlich und zugleich besonders machen. Dies offenbart sich vor allem in den Passagen, in denen die Liebe des Waisenjunge zu Anna, dem Mädchen aus seiner Kindheit, beschrieben wird. Anna, die er damals so oft am Fenster beobachtet und die Neapel einst verlassen hatte, ist nun zurückgekehrt. Doch sie ist inzwischen mit einem Mitglied des Camorra-Clan verlobt. Das hält den Jungen allerdings nicht davon ab, sich auf sie einzulassen, vielmehr, sich ihr hinzugeben. Den Tag vor ihrer ersten und einzigen gemeinsamen Nacht erlebt er als den Tag vor dem Glück.
Doch schon am Morgen nach dieser weiß er, dass das Glück nicht von großer Dauer ist und Anna sich niemals an ihn binden wird: „Sie war fortgegangen, sie war weitergezogen, um ihre gewaltige Kraft woanders zu entladen. Am Tag nach dem Glück war ich ein Bergsteiger, der beim Abstieg ins Schleudern gerät.“ Das Glück, so entwirft es de Luca in seinem Roman, ist vielmehr das Wissen darüber, dass es geschehen wird als der eigentliche Glücksmoment selbst. Das erkennt auch der Waisenjunge nach seiner Nacht mit Anna: „Das war der Tag des Glücks gewesen, der schrecklichste meines kleinen Lebens.“