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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:09

Daniel Kampa: Ratzfatz

20.12.2010

So schnell kann´s gehen, das Vorlesen!

Wenn Andersen und Tolstoi auf Preußler und Arjouni treffen, entsteht ein Vorlesebuch für Groß und Klein: Ratzfatz herausgegeben von Daniel Kampa. Von MARIA-BERNADETTE EHRENHUBER

 

Die Illustrationen von Tomi Ungerer sind Grund genug, das wunderschön gestaltete Buch aus dem Diogenes Verlag zu kaufen (und vielleicht sogar zu verschenken?). Die Zeichnungen sind einfach und witzig, betonen in ihrer Schlichtheit die Grundaussage der jeweiligen Geschichte, sind so etwas wie die Essenz des Textes in graphischer Form.

 

Auch zwei Texte hat Tomi Ungerer beigesteuert: In gewohnt lapidarer Form erzählt er zum Beispiel von der Zähmung eines Drachens. Wozu Drachen heutzutage noch gebraucht werden? Ganz klar, zum Zigarrenanzünden und Kochtöpfewarmhalten!

 

Schräger schwarzer Humor

So schön das Buch ist, so spannend oder grotesk-komisch einige der Geschichten auch sind, ganz schlau bin ich aus dem Buch nicht geworden.

 

Anfangs rätselte ich, wer nun als Zielgruppe in Frage kommen würde. Bei Märchen von Hans Christian Andersen und den Brüdern Grimm, Texten von James Krüss und Christine Nöstlinger denkt man zuerst an Kinder. Allerdings gibt es nicht viele Kinder, die mit dem schrägen, teilweise auch schwarzen Humor der meisten anderen Storys zurechtkommen. Der Verlag meint, dass das Buch Vorlesegeschichten für Kinder beinhalten würde. Ich dachte im ersten Moment, als mir das Buch in die Hände fiel, eher an eine Gute-Nacht-Lektüre für mich.

 

Da ich drei Testleserinnen im Alter von fünf bis neun zu Hause habe, machte ich einen Zielgruppentest. Und das für mich überraschende Ergebnis war, dass beinahe alle Storys gut ankamen. Nur die Ein-Satz-Geschichte von Franz Hohler wurde nicht als Gute-Nacht-Geschichte akzeptiert. Nicht nur, weil sie den Witz an dem Satz nicht verstanden, sondern ganz einfach wegen ihrer Kürze: „Es war einmal ein Zwerg, der war 1,89 m groß.“ Punkt. Aus. Ende. Dazu die Zeichnung von Ungerer: Ein Mann sieht sich durch ein Mikroskop einen kleinen Mann an. Das wars. Vollkommen unverständlich war ihnen auch die Geschichte von Joachim Ringelnatz in ihrer verschnörkelt-altertümlichen Sprache. Auch die Aussage von Kurt Tucholskys Kurzprosa verfehlte ihre Wirkung.

 

Gut angekommen sind bei uns allen Texte von Astrid Lindgren, James Thurber, Doris Dörrie, John Irving und natürlich alle Märchen. Übrigens war ich vom Urheber des Märchens „Von der Stadtmaus und der Feldmaus“ überrascht. Als Autor wird Martin Luther angegeben. Interessiert wollte ich hinten im Anhang nachsehen, wo und wann dieser Text ursprünglich erschienen ist, wurde jedoch enttäuscht. Denn rechtefreie Texte werden nicht separat nachgewiesen. Interessieren würde mich trotzdem, aus welcher Ausgabe sie stammen und wer sie sprachlich bearbeitet hat. Ganz neu sind die Geschichten von Jakob Arjouni, Andrej Kurkow und Ingrid Noll. Alle anderen wurden schon einmal in anderen Bänden abgedruckt.

 

Ausgewählt hat die Texte im vorliegenden Sammelband Daniel Kampa, der auch für viele andere Diogenes Bücher als Herausgeber fungiert. Nach welchen Kriterien er dabei vorgegangen ist, haben wir nicht rausgefunden. Wäre schön gewesen, wenn er uns das in einem prägnanten Ratzfatz-Vorwort erklärt hätte.


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