Erwachsenwerden tut weh
Ranst hat sich hier zweier schwieriger Themen angenommen, zum einen das Leben mit einem schwerstbehinderten Geschwisterkind, zum anderen das Loslösen aus einem altvertrauten und deswegen Sicherheit spendenden Raum. Die beiden Themen sind kunstvoll ineinander geflochten, der Komplexität der Thematik entspricht in jedem Satz die Komplexität der Motivik und der Konstruktion. Es ist ein Kammerspiel, eigentlich ein Zwei-Personen-Stück um Jef und seine Mutter. Jefs Mordgeschichte, die aus Bekka eine starke Frau macht, wird von ihr durchaus gestützt, nicht nur, um Jefs Sinn für Abenteuerlust nachzugeben, wie sie selbst sagt, sondern weil auch Bekka den gelegentlichen Trost braucht, aktiv die Trennung herbeigeführt zu haben und keine passive Verlassene zu sein. Zugleich leidet sie mehr und mehr unter Jefs Weigerung, selbständig zu werden. Jef, das gesunde Kind, engt sie ebenso ein, wie Iene, das pflegebedürftige. Jefs Weigerung, die Kinderzeit hinter sich zu lassen korrespondiert mit dem Kampf seiner Mutter um ein eigenes Glück mit einem neuen Mann.
Jefs Freund Süleyman ist eine hervorragend konzipierte Nebenfigur. Er ist brüderlicher Freund, Partner im meist kruden Teenager-Sex-Talk, der eigentlich nur die Unerfahrenheit und Schüchternheit der beiden Jungen demonstriert, Opfer von Jefs Aggressionen, aber auch gelegentlicher Ratgeber. Zugleich hat er ein Eigenleben, das seinerseits sowohl auf die pubertären Konflikte, als auch auf die Konflikte zwischen Eltern und erwachsen werdenden Kindern verweist. Dass Harry, der neue Mann im Leben von Jefs Mutter, blass erscheint, liegt allein daran, dass man ihn vor allem aus Jefs Augen sieht und wie bei so vielem weigert sich Jef auch in Harrys Fall, überhaupt hinzusehen.
Beispielhaft sind die Schilderungen des Umgangs mit der behinderten Iene. Fürsorge, innige Liebe und Abneigung, Zorn auf das Schicksal und liebevolles oder auch ergebenes Akzeptieren der Situation werden gezeigt. Die schönsten und alle poetischen Beschreibungen finden sich im Zusammenspiel der Geschwister, sein Höhepunkt das Glasflaschenfeld, Birnbäume mit Flaschen, in die Birnen hineinwachsen, und die im Wind singen.
Die Komplexität der Themen, die anspruchsvolle Figurenzeichnung und der raffinierte Aufbau machen die Lektüre zu einer beträchtlichen Herausforderung. Jugendliche können sich darin aber durchaus wiederfinden und werden mit einer Geschichte ganz besonderer Art belohnt.

