Konstantin Ames, Open Mike-Gewinner des letzten Jahres, eröffnet die Anthologie mit den Zeilen:
du wasserfilterverkäufliches
erzluder herz du tjreude
brei nichts als freibrei, hinta
meiner ohren auge nase mund
Ames bedient sich bei den unterschiedlichsten Traditionssträngen, sprachlichen Registern, sogar dem Mittelhochdeutschen und nicht zuletzt gehörig bei seiner Fantasie. Das ist Lyrik als sprachliches Spiel, mit fester und einprägsamer Stimme vorgetragen. Ein ähnlicher Ansatz offenbart sich bei Dagmara Kraus, die die Differenz von Graphie und Phonetik und wiederum deren Differenz zum Sinn ständig überdenkt. Das ist in beiden Fällen Dichtung, die immer wieder in Redundanz umzukippen droht, manchmal anstrengend sein kann, sich aber auf dem schmalen Grat zwischen spielerischer Lyrik und unsinniger Pose glänzend behauptet.
Die verklärt-kitschige Lyrik Synke Köhlers bleibt mit bedeutungsschwangeren Zeilen wie diesen nicht hängen, sondern geradezu kleben:
im kühlschrank waren noch
reste vom vergangenen jahr
jemand hatte den tisch gedeckt
früchte freunde kaffeesätze
viel zu früh im jahr
(aus: Neujahrsbrunch)
Juliane Liebert und Vesna Lubina legen Zeugnis davon ab, dass sie über Potenzial verfügen, beweisen dann allerdings nur stellenweise, dass sie es nutzen können. Vor allem von Liebert wünscht man sich mehr Zeilen wie diese:
lach cherie dein mund wird in
keinem geschichtsbuch erscheinen
aber du wirst auch gelacht haben wenn
es keine geschichten mehr geben sollte.
Barbara Felicitas Tax fällt vor allem durch ihre englischsprachigen Gedichte auf. Ambivalent jedoch, da sich großartige Versmomente zu Bildern auswachsen, die dann ungebremst an die Wand verkrampfter sprachlicher Gesten knallen.
Die sicherlich besten und formal auffälligsten Texte liefert Simone Kornappel, die mit ihren schier unüberschaubaren Verweisen auf Zeitgeschehen, Kunstgeschichte oder Naturwissenschaftliches ihre Leser geradezu zwingt, ihr hinterher zu recherchieren. Dabei entsteht allerdings eine anregende poetische Verfolgungsjagd: Kornappel ist überaus bildlich und dabei dem Leser immer einen Schritt voraus - und doch nie zu weit entfernt. Hier beispielsweise ihre Auseinandersetzung mit Gunther von Hagens Körperwelten:
dann vorbei
an rippenvolieren für teerschwere flügel | zum kontrast die lunge
als asketischer flamingo | phoenix aus der bleiche
Richard Duraj ist bisher wenig in Erscheinung getreten und wird hoffentlich mit seiner einerseits fast wütenden, dann wieder lakonischen, vereinzelt pointiert-witzigen und vor allem durchdachten Lyrik demnächst häufiger zu lesen sein.
Da hat man ihn vielleicht wieder, den Titel. Und er findet bei Duraj durchaus seine Berechtigung, ebenso bei Kornappel, Ames und Kraus. Hier begegnet man Lyrik, die sich Freiheiten herausnimmt gegen das Gewohnte und Gewöhnliche. Doch lässt sich das schon als radikal bezeichnen? Radikal, so Herausgeber Christian Lux, sei Lyrik per se, da sie von jeglichem kommerziellen Druck befreit sei.
freie radikale lyrik bleibt eine Sammlung von Gegenwartslyrik, die den Vorteil hat, sich nicht an den wohlbekannten Namen abzuarbeiten, sondern den einen oder anderen weißen Fleck auf der Landkarte zu füllen sowie ein Forum für neue und unverbrauchte Stimmen eröffnet zu haben, auf dass der eine oder andere der Dichter bald nicht mehr vor seinem ersten Buch stehen muss.

