Ellen Hopkins: Crank
24.01.2011
Wenn die Dämme brechen
Die Welt ist voller Probleme und Gefahren. Ein sehr junger Mensch, mit seiner geringen Lebenserfahrung und unbehütet, kann leicht in ihre Strudel geraten und an den Klippen zerschellen. Ellen Hopkins schildert in Crank, ihrem im Ursprungsland USA vielgelobten und preisgekrönten Erstling für Jugendliche, eine solche Geschichte. Noch dazu in Versen. Bei MAGALI HEISSLER hat die Lektüre Stirnrunzeln ausgelöst.
Kristina ist sechzehn, als ihre Mutter ihr ihren größten Wunsch erfüllt: sie darf in den Sommerferien zu ihrem Vater, den sie seit der Scheidung der Eltern vor über zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Endlich wird das Leben wieder perfekt sein, sie wird die Rolle einnehmen, die ihr zusteht, Papas Prinzessin. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Kein Traumvater erwartet Kristina, sondern ein Alkoholiker und, wie sich bald herausstellt, Drogenkonsument, der in einem heruntergekommenen Appartement wohnt und sich mit einem Aushilfsjob über Wasser hält. Das Mädchen hat den Schock noch nicht verdaut, als der nächste Sturm hereinbricht. Sie lernt Adam kennen, einen kaum älteren und gutaussehenden Jungen. Kristina tauscht den Märchenkönig mit dem Märchenprinzen. Adam macht sie mit Crank bekannt, Metamphetamin. In kürzester Zeit ist Kristina süchtig. Sie begleitet ihren Vater zum bisher verabscheuten Bowling, trinkt Bier, raucht und schert sich nicht im mindesten darum, dass Adam bereits eine Freundin hat. Sie hat ihre wilde Seite entdeckt und aus dem Käfig befreit. Die wilde Seite Kristinas ist ein anderes, neues Mädchen, Kristina tauft sie Bree.
Als die Ferien zuende gehen, muss Kristina zu ihrer Familie zurück. Bree nimmt sie mit, wie auch die Sucht nach Crank. Zuhause wird ihr rasch klar, dass sie ihr Leben nicht mehr führen kann wie zuvor. Bree, die Freizügige, Wilde, Hemmungslose, gewinnt bald die Oberhand. So, wie die Droge. Kristina stürzt tief ab. Sie erlebt, wie ihr Körper langsam zerstört wird und beinahe auch ihr Verstand. Mit knapp siebzehn wird sie schwanger. Und muss sich entscheiden.
A moral tale (angestaubte Variante)
Hopkins’ Geschichte bringt alles mit, was man von einem Jugendroman über die sich immer weiter ausbreitende Mode-Droge Metamphetamin erwarten kann. Eine interessante Hauptfigur, Familienverwicklungen, mehrere komplizierte Liebesgeschichten. Leider stellt sich schnell heraus, dass die Autorin von einigem viel zuviel mitgebracht hat, und zwar auf Kosten dessen, was einen Roman über das Thema zu einem wirklich wichtigen Buch gemacht hätte.
Das Entsetzen über die Wirkung von Crank ist echt und auch eindringlich beschrieben. Die unterschiedlichen Arten, wie man es zu sich nehmen kann, die langandauernden Rauschzustände, die emotionale und geistige Ekstase, die immer unangenehmer werdenden körperlichen Folgen, nichts davon wird einem vorenthalten. Auch nicht die extreme Suchtgefahr.
Allerdings ist das Ganze eingebettet in eine klassische moralische Geschichte mit Vorstellungen von sittlich normiertem Verhalten, die seit mindestens einer Generation zumindest in Mitteleuropa befremdlich erscheinen. Die sechzehnjährige Protagonistin ist ein rundum braves Mädchen. Sie führt ein Leben zwischen Schule, Freunden und Elternhaus. Erwartet werden angepasstes Wohlverhalten und gute Noten. Eine Gesellschaft oder auch nur ein Blick auf Probleme, auf Politik, auf die Welt, kommen nicht vor, geschweige denn aktive Teilnahme oder wenigstens die Auseinandersetzung mit den gegebenen Bedingungen. Kristina ist naiv, unerfahren, weltfern. Das scheint sich so zu gehören. Die Belohnung für Wohlverhalten ist grundsätzlich materieller Art, »Shopping« mit Mamas Kreditkarte das höchste der Gefühle und zugleich Ausdruck des Höchstmaßes an Vertrauen, das einem Teenager entgegengebracht werden kann. Kein Wunder, dass das Kind verängstigt und völlig orientierungslos reagiert, als es abrupt mit einer anderen Realität konfrontiert wird. Das ist für Hopkins jedoch kein Thema.
Erschreckend ist die Behandlung des Themas Sexualität. Diese ist von Übel, besonders dann, wenn ein Mädchen aktiv wird. Kristina, von ihren eigenen Lustgefühlen auf Adam offenbar in völliger Ahnungslosigkeit überwältigt, wird die böse Bree zur Seite gestellt, die in der Folge komplett schamlos, d.h. sexuell aktiv agiert, und nicht nur mit einem einzigen Mann. Die Reihenfolge »erste Zigarette, Alkohol, Sex« ruft einer den sehr alten klerikalen Witz in Erinnerung, in dem ein braver Dorfpfarrer eben diese Schrecknisse seinen Schäfchen predigt, nur um bei einem von ihnen die Frage auszulösen: Herr Pfarrer, wo bekommt man diese Zigaretten?
In einem Jugendbuch, das erstmals 2004 erschienen ist, ist diese Reihung aber weder komisch noch vertretbar. Ähnlich verstaubt wird der Umgang der Geschlechter miteinander dargestellt. Jungen sind nur auf ‚das eine aus’ und werden dann auch zum Vergewaltiger. Das einzige, was der Autorin dazu noch einfällt, sind vulgärfeministische Seitenhiebe, deren denkerische Schlichtheit einer die Sprache verschlägt. Dazu hängt die Hauptfigur einem süßlichen Jungfräulichkeits-Mythos an, der Dornröschen zum Kichern bringen würde. Dem verkrampften Verhältnis zur Sexualität verdankt Kristina dann auch ihre frühe Schwangerschaft. Es hat seine Logik, dass in einer derartigen Gesellschaft Drogen leichter zu bekommen sind, als Verhütungsmittel.
Die unstillbare Sehnsucht nach Geborgenheit
Was gar nicht zur Sprache kommt, und das ist das eigentliche Versagen dieses Romans, ist Kristinas grundsätzliche seelische Verfasstheit. Das Mädchen ist durch die Scheidung deutlich traumatisiert und seither nicht mehr recht auf die Beine gekommen. Sie hat ein überstarkes Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit. Dem ist sie hilflos ausgesetzt, wie allem anderen auch. Niemand hat ihr je beigebracht, mit ihren Gefühlen zurecht zu kommen. Als sich schlagartig auch noch die Hormone melden, ist sie verloren.
Es kommt natürlich der Dramatik des ganzen überspannten Szenarios zugute, dass in ihrem wohlbehüteten Dasein auch niemandem ihre stärker werdende Sucht auffällt. Als Leserin fragt man sich aber bald, warum niemand sieht, was geschieht, nicht die Mutter, nicht der wirklich freundliche Stiefvater, nicht die Freunde, die Schwester, die Lehrerinnen und Lehrer. Letzteres umso mehr, als man in einer versprengten Bemerkung erfährt, dass angeblich viele Mitschülerinnen und Mitschüler Crank konsumieren, weil sie sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlen. Wie alles, was tatsächlich wichtig wäre bei diesem Thema, vermeidet es die Autorin auch hier, auf ein gesellschaftliches Problem einzugehen.
Individualisierte Hochglanz-Drogensoap
Es bleibt beim individuellen Schicksal, bei der individuellen Entscheidung. Immer wieder weist der pädagogische Zeigefinger in diese Richtung. Es liegt allein an einem jungen Menschen, diesem schrecklichen Schicksal zu entgehen. Das kurze Vorwort sagt es deutlich. Wer es nicht schafft, das ist die Implikation, ist (moralisch) schwach und hat die Folgen zu tragen. Es gibt keine Unterstützung, keinen Schutz, keine Hinweisschilder. Hopkins läßt ihre Protagonistin einsam im Gefühlsdschungel herumirren und darin untergehen. Schuld und Bestrafung im 21. Jahrhundert. Dass Hopkins erklärt, ihrer Geschichte lägen Erlebnisse aus der eigenen Familie zugrunde, verleiht dem Buch den Hauch politischer Korrektheit, der es unanfechtbar machen soll, seine Anfechtbarkeit de facto aber nur erhöht, weil das den Versuch enthält, das Konstrukt unter Berufung auf Realität in den Stand der Wahrheit zu erheben.
Die gewählte Erzähl-Form des Romans, in freien Versen, soll dem Ganzen zusätzlich Besonderheit verleihen, die Autorin ist Lyrikerin. Das Handwerk beherrscht sie auch. Freier Vers, konkrete Poesie, Figurales, es findet sich alles auf diesen fast 550 Seiten. Sprachlich ist das streckenweise gelungen, Gefühlslagen werden verdichtet, Langes auf den entscheidenden Punkt gebracht. Allerdings benutzt die Autorin diese Form vor allem dazu, gezielt bestimmte Gefühle und Bilder bei den Lesenden heraufzubeschwören. Ihre Aussagen sind auf Ausschließlichkeit angelegt. Das Denken wird geleitet, nicht angeregt. Mit Mitteln der Lyrik wird bewirkt, was Lyrik gerade nicht tun soll.
Bei manchen Seiten fragt man sich überdies, warum sie nicht als Prosa-Text wiedergegeben wurden. Die Länge des Buchs wird der Form zum Verhängnis. Vielleicht wäre eine gemischte Wiedergabe, Prosa und Lyrik, die bessere Lösung gewesen. Für Leserinnen und Leser im Teenager-Alter mag es jedoch durchaus interessant sein, einen sehr langen Text in einer anderen Form als der gewohnten zu lesen. Etwas Neues bekommen sie allerdings wirklich nicht, nicht in der Darstellung, nicht in der Aussage, kaum in der Form. Crank erweist sich somit als Mogelpackung.


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