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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:25

Colm Tóibín: Mütter und Söhne

31.01.2011

Familienaufstellung

Mütter und Söhne verbindet nicht nur einzigartige Blutsverwandtschaft, sondern ein oft komplexes, widersprüchliches, vielschichtiges Beziehungsgeflecht. Der irische Schriftsteller Colm Tóibín legt auf meisterhafte Weise die grimmigen Untiefen und Fallstricke familiärer Verbindungen offen. Von INGEBORG JAISER

 

Leere ist das Leitmotiv in Colm Tóibíns erstem Erzählband – Leere und Schweigen, Abwesenheit und Verlust. Zehn Geschichten umkreisen dieses allgegenwärtige Thema: die kürzeste kaum zehn Seiten lang, die längste eher eine eigenständiger Novelle. Einige dieser Stories sind bereits in anderen Publikationen erschienen, fügen sich nun jedoch zu einem umfassenden Komplex zusammen, aufrecht gehalten durch das Spannungsfeld zwischen zwei Gegenspieler: Mütter und Söhne.

 

Harmonisch sind die beschriebenen Beziehungen selten. Es fehlt an Vertrautheit, Nähe, Wärme. Die Mütter halten sich auf  Distanz, auch wenn sie vermeintlich das Beste für ihre Kinder wollen. In Der Gebrauch der Vernunft versucht ein Krimineller vergeblich, die in einem Raubüberfall gestohlenen Gemälde zu Geld zu machen. Als er voller Wut erfährt, dass seine Mutter in alkoholisiertem Zustand Details über ihn ausplaudert, fasst er einen trotzigen Entschluss. Er wird die Kunstwerke einfach verbrennen, vor allem Rembrandts Bildnis einer alten Frau, die ihn an eine »sauertöpfische alte Nonne« erinnert.

 

In der Erzählung Die Parole kämpft die verwitwete, hoch verschuldete Geschäftsfrau Nancy ums pure Überleben. Ihr verstorbener Mann hat den gemeinsam geführten Supermarkt hoffnungslos mit Hypotheken überlastet. Energisch und zäh arbeitet Nancy ein neues Geschäftsmodell aus: Sie eröffnet einen Fish-and-Chips-Shop, der tatsächlich boomt. Doch als ihr Sohn Gerard sich erfolgreich einarbeitet und seine Zukunft in dem Laden sieht, wird er herb enttäuscht: Seine Mutter will das Geschäft verkaufen, um nach Dublin zu ziehen.

 

Liebe und Verrat

Anrührend, wehmütig und bitter wirken Tóibíns Geschichten dort, wo jegliche Kommunikation eingefroren wird. Herzerweichend ist die Ahnung abgrundtiefer Einsamkeit, die Das Lied verströmt. Dort trifft der Musiker Noel während eines Auftritts in einer Jazzkneipe zufällig seine leibliche Mutter, die ihn als kleines Kind für ihre eigene Gesangskarriere verlassen hat. Obwohl er sie nie als ältere Frau gesehen hat, erkennt er ihre »Stimme voll Tiefe und Schmelz«, als sie einen Song über unerwiderte Liebe und Verrat anstimmt. Noel hält der Situation nicht stand und verlässt überstürzt das Lokal, ohne sich zu erkennen zu geben.

 

Fergus wiederum, der jugendliche Protagonist aus Drei Freunde, flieht von der Trauerfeier seiner verstorbenen Mutter zu dem unwirklichen Szenario einer Raver-Party mit reichlich Drogenkonsum und homoerotischen Erlebnissen. Als ob er mit diesen Grenzüberschreitungen seine Erinnerungen an die Mutter auslöschen und neue Verbindungen herstellen könnte.

 

Brüchige Beziehungen

Keine dieser brüchigen Konstellationen ist ohne ein familiäres Geflecht zu denken: Väter, Geschwister, Großeltern gruppieren sich lose um die kranke Mutter-Sohn-Beziehung. Doch keiner von ihnen vermag, Beständigkeit zu vermitteln. Die Väter sind tot oder schwer krank, die kleinen Brüder kriminell oder beim Militärdienst, die Großmütter herrisch oder dominant. Trost ist kaum zu erwarten. Höchstens in der Ummünzung auf ein anderes Objekt – so wie in der Erzählung Eins minus eins, die mit den Sätzen beginnt: »Der Mond hängt tief über Texas. Der Mond ist meine Mutter …  Heute nacht ist es sechs Jahre her, seit meine Mutter tot ist, und Irland ist sechs Stunden von hier entfernt.«

 

Ganz selbstverständlich wählt Colm Tóibín, 1955 im County Wexford geboren, Irland als Schauplatz seiner Stories, ein erzkatholisches, kleinbürgerliches, oft düster verhangenes Irland, das bereits Mittelpunkt seiner viel gerühmten Romane Flammende Heide und Das Feuerschiff von Blackwater war. In seinem ersten Erzählungsband zeigt er sich als erneut als einfühlsamer, lebenskluger Autor – mit radikal zeitlosem Stil, ohne einer aktuellen Mode verhaftet zu sein.


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