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Nightmare Alley: William Lindsay Gresham

31.01.2011

Dark Carnival

»Stan Carlisle stood well back from the entrance of the canvas enclosure, under the blaze of a naked light bulb, and watched the geek.« So beginnt William Lindsay Greshams Nightmare Alley, vielleicht der düsterste Kult-Klassiker des amerikanischen Noir, zynischer, schonungsloser, schmutziger als Chandler oder Spillane. Jahrzehntelang vergriffen, etabliert die Neuauflage von New York Review Books Nighmare Alley als verkanntes Meisterwerk. Von LIDA BACH

 

Der Geek ist der Aussätzige der Carnivals. Carnival, jener amerikanischen fantastischen Mischung aus Rummelplatz, Wanderzirkus, Budenzauber und Bühnentricks, für die es keinen anderen Begriff gibt als Carnival. Eine grotesker Spuk, der in den USA der Dreißiger, die Greshams Roman beschreibt, seine Hochzeit erlebte. Eine Nightmare Alley aus Fahrgeschäften, Verkaufsständen und Freak Show, durch die sich die meist hinterwäldlerische Kundschaft schob.

 

Hitzig von Alkohol und dem Anblick der Burlesque-Show, die ihre von Tier- und Menschenschweiß, Schmutz und Süßigkeiten verklebten Hände nach den falschen Versprechungen von Vergnügen, Sex und dem schnellen Dollar ausstreckten. Der junge Zauberkünstler Stanton Carlisle ist zu ehrgeizig für den schäbigen »Ten-in-One« Carnival. Die Tarot-Karten haben ihm Ruhm prophezeit. Das Deck lügt nie – doch die Logik des Tarot ist hinterhältiger, als Stan ahnt.

 

»Away, away, we're sad to say

Dog-boy, atlas, Mandrake, the geeks, the hired hands

There was not one among them that

did not cast an eye behind

In the hope that the carny would

return to his own kind«

(Nick Cave and The Bad Seeds)

 

Pulp Autor Gresham

Nightmare Alley war Greshams größter Erfolg. Viel bedeutete das nicht bei einem zweitrangigen Pulp Autor, der nach zwei Romanen nur drei Sachbücher verfasste und dann die Feder aus der Hand legte, um eine Whiskey-Flasche zu halten. Nicht ganz vergessen ist Nightmare Alley als Tyrone Powers einziger film noir Tyrone Powers. Der in Deutschland unter dem Titel Der Scharlatan erschienene Thriller basiert auf dem fast unbekannten Pulp Roman des noch unbekannteren Autors William Lindsay Gresham. Bisher wurde Greshams Biografie nicht geschrieben, doch angeblich arbeiten mehrere Autoren an ihr. Nach der Neuauflage seines obskuren Bestsellers dürften es ein paar mehr werden. Was sich aus teils zweifelhaften Lebensläufen zusammentragen lässt, klingt grotesk. Nach der Lektüre von Nightmare Alley klingt es Greshams würdig.

 

Geboren 1909 in Baltimore, wuchs er in New York auf. Seinen Debütroman widmete er der zweiten seiner drei Ehefrauen. Dichterin und Kommunistin Joy Davidman heiratete später den englischen Schriftsteller C. S. Lewis. Die unterschiedlichen politischen, theologischen und spirituellen Doktrinen, denen er sich verschrieb, fraßen sich in seine gequälte Seele. Der Krebs in seine Zunge. Nicht so ungewöhnlich wie es klingt – für einen ehemaligen Feuerschlucker. William Lindsay Gresham kannte die Schausteller, Carnies, Freaks und Geeks aus persönlicher Erfahrung. Der Carnival hatte ihn mitgerissen und nie freigegeben.

 

Rummelplatz, Wanderzirkus, Budenzauber

Gresham zieht den Leser gemeinsam mit dem unglücklichen Anti-Helden in eine Spirale aus Gier nach Geld, Sex, Liebe und Erlösung. Der Geek lehrt Stan, wozu Menschen fähig sind, werden ihre Bedürfnisse ausgenutzt. Ein der Wahrsagerin Madame Zeena entlockter Hellseher-Trick macht Stan zum gefeierten Medium. Die Rummelplatz-Sägespäne weichen Bühnenbrettern, die Bühnenbretter den Teppichen der High-Society-Clubs. Stanton manipuliert sich nach oben, indem er den Reichen weissagt, was sie hören wollen. Doch für Vorspiegelungen ist auch er empfänglich. Wie jede der trotz ihrer Schäbigkeit tragischen, verblendeten Figuren. Das verrät die Wahrsager-Szene, in der ein Kollege Stan hereinlegt. It takes a thief to catch a thief. Diebe – von Wünschen, Träumen, Begierden – bevölkern die Nightmare Alley.

 

Die zweiundzwanzig Kapitel tragen die Namen der Tarotkarten Madame Zeenas. »Der Narr« heißt die erste Karte. »Ein laufender Jungen... ein Hund ist bei ihm...« Wie eine Beschreibung der Narrenkarte klingen die Worte eines falschen Propheten, die Stanton zeigen, wie willig Zuhörer an Retorten-Visionen glauben. Stanton selbst fällt darauf herein, erkennt sich in dem Jungen. Er lässt sich narren, er ist der Narr. »Who walks in motley, with his eyes closed, over a precipice at the end of the world«, beschreibt ihn Gresham in einem der Sinnsprüche, die seine Kapitel einleiten. Die letzte Karte ist das Rad, Verkörperung einer perfiden, höhnischen Vorhersehung. Was aufsteigt, muss fallen muss, alles kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Vom Himmel des Bühnen-Zirkus stürzt »The Great Stanton« in den tiefsten Abgrund. Man darf es ruhig Hölle nennen. Der Rattenfänger sitzt selbst in der Falle.

 

Der Narr Stanton ist gleichzeitig »Der Gehängte«, dessen gequälte Körperhaltung die des Narren spiegelt: zwei Facetten einer Medaille, beide Schauobjekte zur Unterhaltung und Belehrung der Betrachter an entgegengesetzten Enden des Spektrums. Der gehängte Narr taumelt mit im Reigen ewiger Narrenfiguren: Lears Fool, Rigoletto und Hopfrog. Durch Greshams schillernde Nightmare Alley.


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